Die Stille und der Wolf

Schwierige Zeiten. Da sind sich alle einig in ihrer Uneinigkeit. Eine Welle der Trauer und Empörung, des Krieges und Hasses, des Menschlichen und Allzumenschlichen jagt die nächste. Hierzulande sind die Menschen im Winter besonders aufgeregt. Im Frühling dann liegen sie auf sattgrünen Grashalmen gebettet im Park und nutzen die leere Zeit dazu aktiv am Smartphone eher urteilsfroh als urteilsstark das Elend in der Welt zu be#twittern. Sie nennen’s Engagement. In Zeiten wie diesen muss man eine Strategie entwickeln, in den richtigen Momenten der Brandung den Rücken zu kehren, um nicht von jeder Welle erfasst zu werden. Am Ende prallen sie, egal wie aufgebauscht sie daherkommen, auf den Strand menschlicher Egozentrik und ziehen nicht mehr als ein bisschen Dreck mit zurück ins bewegte Meer der Einbildungen. Ich sitze also auf dem Trockenen, gestrandet, und traue mich derzeit nicht ins Wasser zurück, denn ich fürchte die tosende Unruhe und die vielen Unterströmungen, die einen schneller in die Ungewissheit ziehen, als einem lieb ist. Habe ich das Meer nicht früher geliebt? Als Kind? Wie ein solches sitze ich nun hier, bockig und angewidert und denke: ich spiel nicht mehr mit! Ich weigere mich meine Achtung und vor allem Beachtung anderen Themen zu widmen als solchen, die mich erfreuen und erfüllen, mich innerlich bereichern und beglücken. Wie egozentrisch ist das? Ich lerne zu ignorieren, Gott was für ein Segen, und stehe kurz davor mich in den herrlich lauwarmen Tümpel der Gleichgültigkeit zu stürzen und mich damit abzufinden, dass wir es wohl, um einen berühmten Leipziger zu bemühen, mit der besten aller möglichen Welten zu tun haben.

die-stille-und-der-wolfIn solchen Momenten ist es wichtig ein Ass im Ärmel zu haben – einen Anker, eine Erinnerung an alles Gute und Schöne, das das Menschsein auch mit sich bringt.
Gesellschaftlicher Wellnessurlaub direkt aus dem Bücherregal sozusagen. „Die Stille und der Wolf“ ist eine Essaysammlung des seit vielen Jahren in Leipzig lehrenden Anglisten Prof. Elmar Schenkel. Weiterlesen

Dschungelcamp für Intellektuelle – Thomas Melle und „Die Welt im Rücken“

Unterm Baum lagen im letzten Jahr die mühsam zusammengeklebten Scherben einer ungewöhnlichen Existenz. Es ist das Leben von Thomas Melle, Autor der Romane Sickster und 3000 Euro, der seit seiner Jugend unter einer ausgeprägten bipolaren Störung leidet, die sich in seinem Fall im Wechsel besonders intensiver und langanhaltender Schübe aus manischen und depressiven Phasen manifestiert. Fröhliche Weihnachten! Weiterlesen

Erinnerung an das große Glück der Traurigkeit

stilleOhh, ich habe ein wirklich prägendes Stück meiner Jugend ausgegraben – ironischerweise in einem Moment, der mich zwangsläufig  daran erinnert, dass diese dahin ist: beim Joggen! Um mich währendessen nicht mit mir selbst beschäftigen zu müssen, brauche ich dafür Musik, und so suchte ich wohl fast instinktiv nach vergrabenen Melodien, die jene Leidenschaften wieder in Schwung bringen könnten, ohne welche sich die Welt auch ohne mich dreht.

Dass ich gleich so tief in die Trickkiste griff, überrascht mich im Nachhinein selbst. Und zwar wählte ich die ‚Stille‚, ein Gotik-Rock- oder offiziell Symphonic-Metal Album der Kings of Traurigkeit  Lacrimosa aus dem Jahr 1997. Unendliche Male hatte ich diese Platte voller Inbrunst genossen. Die Stimmung, die diese Band transportiert, hatte sich so sehr in meiner noch jungen Seele eingenistet, dass es ihren Melodien nun so viele Jahre später mühelos gelingt mir im undurchsichtigen Dschungel der Zeit einen emotionalen Weg in jene Ära zu bahnen, als Traurigkeit noch keinen Wirt benötigte, um ausgeatmet werden zu können. Weiterlesen

Über den Tod :3: Welt und Sinn

Link: Teil 1 – Warum schwarz nicht immer Schwarz ist
Link: Teil 2 – Die Quelle der Angst

Manchmal müssen ganze Welten zerstört werden, um Platz für das Fundament einer zeitgemäßeren oder fruchtvolleren Variante zu schaffen. Innenwelten sind gemeint natürlich, denn hier entwickeln wir eine Vorstellung davon, wer wir sind und was wir hier tun. Diese Vorstellungen sind eben nur Vorstellungen, aber wir benötigen sie in jenen Momenten zur Orientierung, wo uns die Instinkte nicht ausreichen. Sie verändern und entwickeln sie sich im Laufe unseres Lebens kontinuierlich. Ab und an jedoch erleben wir einen Bruch, einen Moment, wo das ganze Gebilde, das wir aufgebaut haben und unsere Welt nennen, großflächig gerodet und neu kultiviert werden muss. Mindestens einen solchen Zyklus durchlaufen wir alle in jenem Augenblick, wo wir uns von der Orientierungshilfe unserer Kindheit, also der Welt unserer Eltern, abnabeln. Wir beginnen unsere eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse mit denen abzugleichen, die uns auf den Weg gegeben wurden. Wir lernen uns als eigenständig denkendes, handelndes und fortpflanzungsfähiges Wesen kennen, als ein Ich, das Entscheidungen trifft. Wir springen hoch und springen weit im Siebenmeilenstiefel des Lebens, wollen nicht nur unsere eigene, sondern gleich die Welt der Anderen neu erschaffen und nennen es Jugend! Das Leben, die eigene Kraft und Schönheit scheinen grenzenlos. Dieser Übermut als Motor allen Fortschritts resultiert aus dem einfachen Umstand, dass wir erst später lernen dürfen, dass das Weitspringen nur dann sinvoll ist, wenn man weiß, in welche Richtung und das Hochspringen einen tiefen Fall nach sich ziehen kann, den man abzufedern in der Lage sein muss. Die Jugend ist sozusagen eine zweite, elternunabhängi(ger)e, Kindheit, getrieben von Instinkten und aufgeführt auf den Brettern der kleinen Welt. Erwachsen werden wir, wenn wir mit den Konsequenzen unserer übermütigen Entscheidungen konfrontiert werden und je nach dem wie fehlbar unsere Instinkte waren und sind, damit beginnen abzuwägen, zu zögern und Salat zu essen. Der Zeitpunkt kann je nach Lebens- und Persönlichkeitsumständen stark variieren. Weiterlesen

Born in Pain – David Bowie’s ★

Blackstar-CD—> Deutsche Fassung: hier <—

Live for the moment, they say.

The logic behind this ever repeated piece of smart advice arises mainly from the fact that the past and the future only exist in our minds. The present, however, constitutes what we tend to call reality. Even though we are able to think beyond us,  both forward and backwards in immense lengths of time, we remain instantaneous beings that are able to feel their very existence only when attention is paid to the current moment. But is every moment worth the perseverence? Strictly speaking, there are very few and if modern society has learned one thing, it is how to distract ourselves.  It is often our senses that serve as a kind of crutch to help us back from the jungle of dreams, plans and memories into the world  which we actually in- and exhale.

Compare it with traveling in a car like – a well-programmed machine, for several hours we automatically muse away and it is often a sunset, a melody or even a moment of imminent danger that draws the Attention back to the present. Beauty and anxiety seem always here. Death and love always there.

blurs these imaginary boundaries, because it washes us away, drawing us into the ocean of a dying man. Weiterlesen

Im Schmerz Geboren – David Bowies ★

Blackstar-CD

—> English Version press here <—-

Den Moment solle man leben, heißt es. Die Logik hinter dieser immer neu aufgelegten Platte schlauer Ratschläge ergibt sich im Wesentlichen aus dem Umstand, dass Vergangenheit wie auch Zukunft ausschließlich unserem Bewusstsein zugeordnet werden können, die Gegenwart jedoch konstituiert, was wir Realität nennen. Zwar sind wir in der Lage uns in ungeheure Zeiträume hinauszudenken, doch bleiben wir Augenblickswesen, die sich selbst, also die eigene Existenz, immer nur dann fühlen können, wenn die Aufmerksamkeit dem gegenwärtigen Moment geschenkt wird. Doch nicht jeder Moment lohnt darin zu verharren? Genau genommen sind es die Wenigsten und wenn die moderne Gesellschaft eines gelernt hat, dann sich zu zerstreuen. Oft dienen die Sinne als Krücke uns aus dem Dschungel der Träume, Pläne und Erinnerungen in die Welt zurückzuholen, in welcher wir tatsächlich gerade ein- und ausatmen. Wenn man beispielsweise einer gut programmierten Maschine gleich mit dem Auto unterwegs ist und so vor sich hin und sich weg sinniert, ist es oft ein Sonnenuntergang, eine Melodie oder auch ein Moment der drohenden Gefahr, der die Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückzieht. Schönheit und Angst scheinen immer hier. Tod und Liebe immer dort.

★ lässt diese gedachten Grenzen verschwimmen, denn es reißt uns hinfort in den Gedankenozean eines sterbenden Mannes. 

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Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Fazit)

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Dass es Rüdiger Safranski im Jahre 2013 mit einer fast 800 Seiten schweren Biographie über Johann Wolfgang von Goethe gelingt, die Spitze der gemeinen Top-Seller Charts zu stürmen, scheint doch auf den ersten Blick höchst erstaunlich?! Zum einen füllen Schriften von und über dieses „Ereignis in der Geschichte des deutschen Geistes“ ganze Bibliotheken, zum anderen überrascht es doch, dass das Interesse an Goethe auch 264 (heute auf den Tag 266) Jahre nach seinem Tod ungebrochen scheint. Das Geheimnis des großen Erfolgs dieser speziellen Biographie liegt jedoch in ihrer besonderen Struktur und Rezeptur. Denn so wie Goethe uns viel mehr sein kann als ’nur‘ Dichter, so kann dieses Buch uns auch um einiges mehr sein als ’nur‘ Biographie. Dies zumindest war ich bemüht in den vorangegangenen Artikeln (Teil 1Teil 2Teil 3) über dieses Kunstwerk über ein Kunstwerk, das einige Leben nennen, zu verdeutlichen.

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Über den Tod :2: Die Quelle der Angst

Die Angst ist zwar eine sehr dominante Emotion und in diesem Zusammenhang am ehesten als solche identifizierbar, aber sie definiert unser ambivalentes Gefühl gegenüber dem Sterben nicht allein. Es ist vielmehr ein Knäuel an Gedanken und Emotionen, die sich zu jenem Schauder verbinden, der hier der Einfachkeit halber als Angst, Befürchtung oder Sorge umschrieben wird. Der erste Teil schloss mit der Überzeugung, dass es nicht der Gedanke an den Zustand des radikalen Nichtvorhandenseins (des Tod seiens) an sich ist, der die Seele mit Entsetzen füllt, denn wenn man davon ausgeht, dass dem vorgeburtlichen Zustand gleich eben nichts folgt, hat man konsequenterweise auch nichts zu befürchten. Vielmehr ist es der Prozess des Sterbens, der so sehr verunsichert und nicht nur, weil wir nicht wissen wann und wie, sondern weil wir gezwungen sind stillzustehen. Der Tod raubt uns das Leben und somit die Möglichkeit nach innerweltlichen Zielen zu streben. Deshalb ist der Tod für viele alte oder schwerkranke Menschen eben kein Übel, da sie sich nicht mehr ihrer Möglichkeiten und Träume beraubt fühlen. Dem gesunden, lebensfreudigen Menschen jedoch kann die Aussicht auf diese Deprivation die Motivation nehmen überhaupt aufzustehen, je nach dem welche der gängigen Fragen er sich stellt und wie er sie beantwortet. Beispiele im Selbstversuch: Weiterlesen

Über den Tod :1: Warum schwarz nicht immer Schwarz ist

 

„Mein Gott, letzte Woche erst feierte er seinen fünfzigsten Geburtstag.“
„Was ist passiert?“
„Er kam von einem Spaziergang, zog seine Jacke aus und fiel um. Tot.“
„Einfach so?“
„Einfach so.“

Wann immer mich die Nachricht erreicht, dass jemand einfach so, also plötzlich und unverhofft vom Gipfel des Lebens gestürzt ist, habe ich Schwierigkeiten einzuschlafen, ganz gleich wie nah oder fern mir dieser Mensch stand. Einfach so also. Eigentlich gut? Gut für ihn. Kurz und schmerzlos. Doch ein ungemütliches Gefühl beginnt sich seinen Weg aus unbekannter Quelle hinauf zu arbeiten und sich vom Magen, über den Hals bis hin zum Geiste auszubreiten. Wir sind keine Freunde. Es ist Angst. Doch wovor eigentlich? Davor, dass auch ich, ja selbst ich, hinüber sein könnte, bevor ich mir diese Frage  beantworten konnte?
Ziel dieser Artikelreihe ist es, unser ambivalentes Verhältnis zum eigenen Tod näher zu betrachten, diffusen Gefühls- und Gedankenkreisen konkrete Erkenntnisse abzugewinnen und diese widerum gewinnbringend in die Lebenspraxis zu integrieren. Das wird wahrscheinlich nicht funktionieren, aber ich wollte mal darüber gesprochen haben. Vielleicht fühlt sich der eine oder angeregt mit- und/oder weiterzuspinnen. Platz dafür bleibt bei einem lebensschluckenden Thema wie diesem wohl genug. Weiterlesen

Nun auch noch ICH in Arkadien :10: Leben im Spiel – Neapel

19.5./20.5.

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Blick auf Neapel und den Vesuv im Hintergrund

Bereits kurz vor sieben sitze ich im Auto und fahre zurück nach Bologna, um von dort aus den Schnellzug nach Neapel zu nehmen. Der italienische ICE ist sehr komfortabel, man hat viel Beinfreiheit, einen großen Tisch und eine Steckdose in der zweiten Klasse. Über einen Bildschirm kann man die Fahrt aus Perspektive der Zugführer verfolgen. Die angezeig-ten 280km/h ignoriere ich gekonnt. Weiterlesen