Eine Art Reisebericht (Südportugal Feb.2011)

In dicke Klamotten gewickelt hetze ich von einem beheizten Gebäude ins Nächste. Immerzu sind meine Füße kalt, all meine Muskeln angespannt, meine Haut gerötet. Alles wirkt fad, auch die Menschen. Ich hasse Kälte. Das winterliche Gefängnis macht mich nervöser, als ich es sowieso schon bin. Alles in mir schreit nach Wärme und Ruhe. Immer drückender nehme jeden ungenießbaren Moment wahr. Nicht allein unangenehme Minuten per se, sondern, viel schlimmer noch, all diejenigen frei jeglicher Empfindungen: Tür aufschließen, an Ampeln warten, Zähne putzen, Hosen runter, Hosen hoch, abwaschen, Treppen steigen, Sachen suchen, Smalltalk… Wie lang ist ein Moment?

Eine hundertstel Sekunde? X? Sechzig durch X=Y mal 60 =Z mal 24= mal 365 = und das ist grad mal ein Jahr. Wenn ich das jetzt noch mal dreißig rechne wird mir übel. Nach dieser Rechnung würde ich behaupten, dass selbst ein mit übermäßig viel Glück, Zeit und Zufriedenheit ausgestatteter Mensch auf maximal zehn Prozent reines Empfindungsbewusstsein pro Tag kommt, was am Ende sicher keine Rolle spielt, ganz richtig. Trotzdem kein Wunder, dass man sich gehetzt fühlt, das Leben einem seltsam vorkommt, das
 man lauter Dinge tut, die nur einem Spiel gleichen. Meist bin ich heiter, gut gelaunt, empfinde höchste Freuden und doch scheint das Leben an einem vorbeizufließen, wie ein Tümpel, in welchem man nicht baden möchte. Ich muss also raus, dorthin wo alles Leben einst entsprang, wo ich Ruhe finde. Nicht die geräuschlose Art von Ruhe wie man sie in Bibliotheken zumeist antrifft, auch nicht Ruhe in Form von Bewegungslosigkeit, wie man sie jederzeit auf dem heimischen Sofa zelebrieren könnte, nein, wonach ich sehne ist Ruhe, die den Geist begnügt. Schönheit! Solche, die Zeit und Raum hinter sich lässt und mich für ein paar Sekunden und tausende Momente aus meinem Orbit hebt.

Viele Menschen suchen in diesen rasenden Zeiten Ausgleich in der Natur, manche ziehen in die Berge, andere in die Wüste, wieder andere in den Dschungel. Ich gehöre dem Teil der Menschen an, die ein junkieähnliches Verhältnis zum Meer entwickelt haben. Welcher Ozean ist grundsätzlich egal, Hauptsache Wasser und unerreichbare Horizonte. Ich denke nicht, dass man diese Wahl ganz willkürlich trifft, ich glaube sogar, dass es ganz nachvollziehbar ist, welche Sorte Mensch in welchen Gefilden Ruhe, Freude oder auch Erkenntnis finden kann. Klein fühlt man sich immer, ob auf dem Gipfel eines Berges oder in den weiten der Wüste, jedoch macht es einen wesentlichenUnterschied, ob man sich in der Geschlossenheit eines Gebirges ‚geborgen‘ fühlt, ob man im Walde unter Pflanzen und Tieren lebend der (sozialisierten) Menschlichkeit entfliehen möchte oder, ganz anders, sich im Trubel der Großstadt in viele kleine Teile zerfallen lässt. Sag mir wo du wohnst und ich sag dir wer du bist? Einen klaustrophoben Menschen wie mich zieht es an Frischluftorte mit Aussicht, Orte an denen man sich frei fühlt. Stillstand tötet mich, nimmt mir jede Freiheit. Deshalb ist es nicht der Gipfel, nicht die Steppe, sondern das niemals ruhende Gewässer, welches es mir erlaubt innezuhalten.

Mit meinen Lieblingsmenschen lande ich diesmal an der Algarve in Südportugal. Albufeira nennt sich der bekannte Badeort, der im Februar glücklicherweise nur wenige Touristen beherbergt. Diese bestehen zu neunzig Prozent aus britischen Rentnern ohne Modebewusstsein, für die Südportugal so etwas wie Mallorca für die Deutschen zu sein scheint. Das einstige Fischerdörfchen befindet sich direkt am felsigen Uferrand. Schwarz-weiße Häuser zieren die vielen verwinkelten Gassen und Anhöhen. Überall liegen Hunde und Katzen in der Sonne und genießen das Leben. Die fünfzehntausend Einwohner der Stadt kümmern sich gern und freundlich um das Wohl der Touris, doch wenn es die Zeit zulässt, widmen sie sich traditionellen Künsten, flechten Körbe, verzieren Boote oder sitzen mit Stock und Pfeife bewaffnet am Meer und trinken Wein. Wir landen in einem kleinen Modeschmuck Geschäft, dessen Besitzer, so ein alter volltätowierter, graubärtiger Rock’n Roll Freak, die halbe Gasse beschallt. Klar kauf ich Ohrringe, wenn Guns’n Roses läuft – bitte. Klamotten kann man hier nicht kaufen, die sehen genauso schrecklich aus wie in jedem anderen vom Tourismus geprägtem Badeort. An Souvenirs gibt es allerdings ein große Auswahl an ungewöhnlichen Dingen. In Portugal wird z.B. Kork produziert, welches wiederum in allmögliche Dinge verarbeitet wird – Taschen, Börsen, Hüte, sogar Krawatten. Auch bleibt man an jeder Ecke verwundert stehen, um das handgefertigte, bunte Porzellan zu bestaunen. Ich habe kein Geld für Geschirr, dafür braucht man erstmal was zu essen im Kühlschrank, aber es macht Spaß diese filigrane Arbeit der Leute zu begutachten. Unsere Unterkunft liegt glücklicherweise etwas außerhalb der Ortschaft. ‚Alfagar‘ ist eine traumhafte, wirklich empfehlenswerte, liebevoll gestaltete Anlage, bestehend aus einem Haupthaus und vielen kleinen süßen Appartementhäuschen, die dem ganzen einen dörflichen Charme verleihen. Alles ist über schmale Pflastersteinpfade, miteinander verbunden, die uns an verschiedenen Pools, Gärten, Spielplätzen, Bars, Restaurants, Fußball- und Tennisplätzen vorbeileiten.

Ich bin kein Freund von Einsamkeit, doch hier verspüre ich ab und an das Bedürfnis mich allein in die Sonne zu setzen und die großartige Aussicht mit entsprechender musikalischer Untermalung zu genießen. Als es heißt ‚Großmarkt‘ klinke ich mich aus und ziehe mit Zigaretten, Kaffee und Mp3 Player bewaffnet los, verlasse unser sehr komfortabel ausgestattetes Apartment und bewege mich Richtung Strand, ziehe vorbei an wunderschönen Zypressen, Palmen, Agaven, Essigbäumchen, Aloepflanzen und vielerlei bunten Blümchen, die ich nicht benennen kann. Wenige Meter hinter dem Wohnkomplex führt mich mein Weg über einen schmalen Pfad bis hin zu einer Anhöhe, die mir den Blick auf den Atlantik öffnet. Mir stockt der Atem als ich hinabsehe. Auf einem mit rötlichem Sand überzogenem Felsvorsprung ziehen vier Pinien, die über die Klippe hinauszuragen scheinen, ihre Aufmerksamkeit auf mich. Ihre Kronen haben sich zu einem riesigen hutförmigen Gebilde ineinander gewunden – von wegen Tibet ist das Dach der Welt! Nun kann ich es auch riechen, das Meer, kann es hören. Ich laufe die Stufen der zum feinen Sandstrand hinunterführenden Holztreppe ein wenig hinab und lasse mich auf einer kleinen Bank unter dem königlichen Baum nieder. Rechts und links von mir erstreckt sich die rötlich schimmernde Steilküste mit ihren vielen kleinen Grotten. Ab und an ragen grünbewachsene Felsspitzen mitten aus dem Meer, als würden sie prüfen, ob die Luft rein ist. Das ist der größte Moment überhaupt, passend dazu gibt’s Pink Floyd, die größte Band überhaupt. Es ist noch recht früh am morgen, der Himmel ist klar, ein milder Wind weht mir um die Nase und die langvermisste Sonne wärmt meine Stirn. Sofort male ich mir innerlich Fluchtpläne, stelle mir vor wie es wäre für immer hier sitzen zu bleiben. Langweilig wahrscheinlich? Das Sonnenlicht hinterlässt eine funkelnde Allee auf der Wasseroberfläche, mächtige Wellen schieben sich gen Brandung, springen über ihren Schatten, überschwemmen den feinen Sandstrand und hinterlassen einen schäumenden Teppich, der die wenigen Spaziergänger in die Flucht zwingt. Ja, rennt nur.

Nein, die Einsamkeit ist keine Lösung. Bald geht auch zu Hause die Sonne wieder früher auf und später unter. Nie könnte ich allein mit und durch mich selbst existieren. Ich brauche die Menschen, ich liebe sie, jeden einzelnen, auch die, die ich nicht mag. Jeder einzelne lehrreich, kreativ, inspirierend auf die eine oder andere Weise. Unglaublich viele Zauberer leben unter uns. Sie zaubern unverwechselbare Klänge, malen Bilder in den schönsten Farben, schreiben Texte, die die Welt bedeuten, kreieren Worte, ohne die wir alles Leben gar nicht fassen könnten. Jedes Gefühl kommt vom Menschen und geht zu ihm zurück – wie könnte ich diesem Wunder den Rücken kehren? Wie viel Schönheit würden diese paar Tage winterlichen Abstandes verlieren, wenn nicht mein süßes Patenkind jeden morgen in seinen hellblauen Schlafsack gewickelt bettelnd seine Arme nach mir ausstrecken würde? Was wäre der Strand ohne die Gespräche mit meiner treuen Freundin, ohne ihr Lächeln, ohne dieses Gefühl blinder Vertrautheit? Was wäre die Welt ohne Pink Floyd? Glück ist ein Kompromiss. Glückseligkeit der Moment, wo du anfängst diesen Kompromiss wohlwollend als notwendig zu akzeptieren – den Winter geduldig und sinnvoll zu überbrücken, den Sommer zu genießen.

Am Abend vor der Abreise laufe ich durch die Dunkelheit noch einmal zur Küste, um einer Tradition zu folgen, die ich schon seit meiner Kindheit zelebriere. Ich gehe an den Ort zurück, den ich am meisten vermissen werde, in der Hoffnung ich könnte mit Hilfe übermenschlicher Kräfte und permanenten Starrens auf einen Punkt die Zeit doch davon überzeugen können kurz stehen zu bleiben. Millionen von feinen, warmen Regentropfen fallen auf mich nieder. Es ist windig, aber angenehm mild, als ich die vier Pinien erreiche. Das Meer ist in der Dunkelheit nun kaum noch vom Himmel zu unterscheiden, wären da nicht hier und da ein paar weiße Schaumlinien, die sich im Mondschein tanzend über die Wasseroberfläche schlängeln würden. Ich schließe meine Augen, lasse meinen Kopf in den Nacken sinken, atme den Regen, den Wind, das Meer, den Moment. Arcade Fire’s „Deep Blue“ läuft als ich aufgebe und gesenkten Hauptes das malerische Szenario verlasse – tomorrow means nothing.

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