Und doch fallen wir immer wieder…

Ja, Paniks DMD KIU LIDT

Ja,+Panik+DMD+KIU+LIDTEin Text zur Verbreitung scheint unerlässlich. Derzeit übliche Methoden in Form von Facebook-Shares scheitern spätestens, wenn man versucht ein 14 Minuten Epos an den Mann zu bringen. Warum? Wer sich einloggt, sucht meist nach allem und nichts. Man liest Überschriften, ‚likes‘ Videos, die man zu großen Teilen nicht einmal vollständig ansieht, überfliegt Kommentare, nimmt aktuelle Veranstaltungen, Nachrichten und persönliche Befindlichkeiten, sagen wir mal „zur Kenntnis“. Man bleibt am Ball, bildet man sich ein. Doch weit gefehlt, der Bulk der Informationen sind schlichtweg durchlaufende Posten in unserem kopfinternen Rechner, der im Gegensatz zu den externen Maschinen, die wir jeden Tag bedienen an Speicherkapazität und Leistungsfähigkeit kontinuierlich verliert. Eben weil es schwer fällt vitale Informationen zu filtern und diese eingängig genug zu betrachten, um sie tatsächlich verarbeiten zu können. Der maßvolle Umgang scheint hier das Geheimnis, um das Thema mal abzuschließen.

Wir feiern Geburtstag in Frankfurt. Die Band habe ich nie live gesehen, ein paar Songs sind mir über den Weg gelaufen, grüßten aber zunächst nur freundlich und verabschiedeten sich wieder. Ich stelle mich dem Ereignis also in recht jungfräulicher Manier. Ja, Panik betritt einheitlich gekleidet die Bühne und spielt. Ich erkenne ein paar Songs wieder, achte viel auf Texte und Bühnenverhalten der einzelnen Akteure. Auffallend der Gitarrist, mir nun als Thomas Schleicher bekannt, der völlig stoned (darf man das so sagen?) an seiner Gitarre jeden Moment einzuschlafen scheint und wie aus dem Nichts in unkalkulierbaren Abständen erwacht und Show liefert. Lustig. Erstmals wird mir warm, als Sänger Andreas Spechtl seine Gitarre in die Ecke stellt, zum Klavier schlürft und  „Evening Sun“ anstimmt. Schon hier wird klar, dass man seine Performance nicht zu genau beobachten sollte, denn seine Aura zieht einen schneller in den Krieg als einem lieb ist. Letzter Song: tanzen, singen, lächeln und Ja, Panik verlässt die Bühne. Ich bin zufrieden, bin weder oben noch unten, sondern eher mittendrin, als ich auf die Zugabe warte.

Was ich in den nächsten Minuten erlebe, ist auch für mich Neuland. Ich folge hin und her wippend den ersten Strophen des letzten Stücks. Die Melodie des Songs wiederholt sich permanent, treibt sich unauffällig im Hintergrund herum und zieht auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Hörers automatisch auf die epische Erzählung. Worum geht’s hier? Eine Geschichte? Seine Geschichte? Filmriss. Nach ungefähr acht Minuten (wie ich im Nachhinein versucht habe auszurechnen) drehe ich mich kurz um und sehe wie in einen Spiegel als ich erstaunt feststelle, dass das Publikum seit geraumer Zeit bewegungslos zur Bühne zu starren scheint. So etwas wie „krass“ schwirrt noch schnell durch meinen Kopf, während ich mich wieder zurückdrehe und

…ich werde wach als mir plötzlich aus dem Nichts Tränen in die Augen schießen. What? Ich kann mich schon in diesem Moment nicht daran erinnern etwas bestimmtes gehört oder gedacht zu haben, auch habe ich kein Stimmungshoch oder Tief verzeichnen können. Wie sehr man sich in diesen Song steigern kann, habe ich erst im Nachhinein erfahren; an diesem Abend habe ich es „nur“ gesehen, gesehen wie sich Spechtl an Gitarre und Mikro körperlich, geistig, seelisch und stimmlich krümmte, um seiner eigenen Geschichte nicht vorzeitig zum Opfer zu fallen. Ich war wahrscheinlich schlichtweg überwältigt als ich einen der raren Momente der Metamorphose von Mensch zu Emotion miterleben durfte. ‚Welch Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!‘ Für eine solche Sekunde lohnt sich das hier alles, meine Damen und Herren!

Um konkrete Inhalte soll es hier zunächst nicht gehen, auch wenn sich aus dem Song unendlich viele Möglichkeiten ergeben den Gesprächsstoff für mehrere Abende zu sichern. Nur soviel: die üblichen lösungsvorschlagsfreien Themen wie Liebe, Gesellschaft und Politik werden alle angerissen. Ich will nichts vorweg nehmen, auch kann jeder selbst recherchieren, was es mit diesem „seltsamen Wort“ auf sich hat. Der Zauber resultiert hier auch ausnahmsweise nicht aus dem reinen Wiedererkennungswert durch den Hörer d.h. der Song funktioniert nicht, weil man eigene Lebensentwürfe oder Ansichten eins zu eins wiederfindet, er funktioniert, weil er Mensch ist, Leben ist, Liebe ist, stürmt, drängt, fällt, aufsteht, resigniert, aufsteht und wieder fällt. Er kommuniziert im Gesamten das Gefühl dieses besonderen Lebensabschnittes, ich nenn ihn Sommer, wo sich körperliche und geistige Fähigkeiten auf dem Zenith zu befinden scheinen, wo man zu erkennen glaubt, was die Welt im innersten zusammenhält und nach blutrünstigen jugendlichen Kämpfen gegen das Übel der Gesellschaft doch kurz davor steht hier und da Dinge einfach hinzunehmen wie sie sind. Dieser Song kann immer nur der Letzte sein, denn danach fühlt man sich leergepumpt, gereinigt, will nichts anderes hören oder sehen, empfindet keine Tätigkeit als angemessen daran anzuschließen, will einfach nur sein.

„Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ sind die ersten Worte, die Goethe seinen Werther 1771 zu Papier bringen lässt. So geht der Kopf hinter dem Song ganz recht in der Annahme gegen Ende seines Stücks, welches ganz ähnlich mit den Worten „Letztendlich hab ich meine Koffer gepackt“ beginnt, dass im Grunde „alles beim Alten“ und all dem nichts mehr hinzuzufügen ist.

Bandpage

2 Gedanken zu „Und doch fallen wir immer wieder…

  1. Pingback: Geschwafel I: inspired by Ja, Panik | Euphorion

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