Wie alt bist du?

Alter ist ein interessantes Thema, wie ich finde. Biologisch gesehen kann man da nicht viel schön reden, das beweist der morgendliche Blick in den Spiegel, der den Verfall offensichtlich macht; es sei denn man ist clever genug von vornherein die billigste 40 Watt Birne in die verdreckte Deckenlampe zu drehen und auf weiteres Licht zu verzichten. Ganz anders gestaltet sich das Thema, wenn man es soziologisch/psychologisch betrachtet, was ich jetzt mal in üblich amateurhafter Art versuche. Man könnte, wie ich feststelle, die Geschichte jetzt von unterschiedlichen Ausgangspunkten aufrollen, um am Ende immer zu dem Ergebnis zu gelangen, dass das Lebensalter ein gesellschaftliches Konstrukt ist und wir ganz aktiv unsere eigene Wahrnehmung das Alter betreffend aber auch die Wahrnehmung anderer von uns mitgestalten und verändern können. Und wann immer wir etwas mitgestalten können, besteht die Möglichkeit Perspektiven zu verschieben und das eigene Wohlbefinden zu optimieren, wenn man das möchte. Wie funktioniert das? Das Geheimnis liegt, wie so oft bei uns Menschen, in der Kommunikation, insbesondere der sprachlichen Kommunikation. Achtet einmal bewusst darauf, was ihr so den ganzen Tag zu sagen habt, wenn’s darum geht ob ihr nun alt oder jung seid. Ein paar Beispiele aus dem Alltag:

Wie oft hört man Leute mittleren Alters (sagen wir mal mutig-schwammig zwischen 35 und 50), die nicht ganz zufrieden mit dem sind, was beispielsweise beruflich aus ihnen geworden ist, so etwas sagen wie: „naja in meinem Alter brauch/kann ich nun auch keine großen Sprünge mehr machen“ oder „wer stellt mich in meinem Alter denn noch ein“. An anderer Stelle oder in einer anderen Situation würden die selben Menschen Sätze fallen lassen wie „ich hab moderne Ansichten“ oder zum Geburtstag die Standardfloskel „man ist immer so alt wie man sich fühlt“ bemühen (die IMMER genutzt wird, um Jugend zu implizieren). Das numerische Alter wird also gern benutzt, um entweder Defizite zu entschuldigen oder andersherum wird das „gefühlte Alter“ genutzt, um das biologische Alter zu entkräften. Ersteres ist allerdings gefährlich, da es einen drastischen Einfluss auf unsere Entscheidungen und dementsprechend unseren weiteren Lebensweg und damit unmittelbar unser zukünftiges Glückseligkeitsempfinden hat.

Wer mit 42 plus/minus fünf mir gegenüber einen Satz mit den Worten „es ist zu spät…“ beginnt, wird auf der Stelle mit folgender Rechnung in seiner/ihrer gut vorbereiteten Argumentationslinie unterbrochen: vorausgesetzt sei körperliche, seelische und geistige Gesundheit bis zum Renteneintrittsalter (derzeit 65, bald 67), wenn’s gut läuft bis zum Ende (hier sind wir ungefähr bei 80, mit Brüsten vielleicht noch länger). Ab dem 21. Lebensjahr traut das Gesetz, und dem pass ich mich jetzt mal an, einem zu, dass man selbständig denken und handeln kann und sollte. Das heißt, Kindheit und Jugend fliegen aus der Rechnung raus, da man in dieser Zeit erst heranwächst, lernt Mensch zu sein und ein großer Teil dieses Lebensabschnittes meist extern geleitet wird. Mit 42 hast du also gerade mal 21 Jahre deines eigenständigen Lebens hinter dir. Bis zur Rente sind es noch 23 Jahre, bis zum durchschnittlichen Ableben ganze 38 Jahre. ACHTUNDDREIßIG!!!! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, diesen Zeitraum zurückgerechnet hat der/die 42ige(r) noch ab und an in die Hosen gemacht. Und jetzt ist der Plan den selben Zeitraum mit den Worten „es ist zu spät“ rum zu bekommen?? Bitte. Es ist also noch genügend Zeit ein verdammtes Instrument zu lernen, umzuschulen, zu studieren, sich fortzubilden und/oder auch sich anderweitige Träume zu erfüllen. Mir ist völlig klar, dass nicht jeder die Freiheit hat solche Entscheidungen frei weg zu treffen. Eine alleinerziehende Mutter von fünf Kindern wird schwerlicher Zeit, Kraft und Muße finden sich auf der Abendschule rumzutreiben, wenn die Kiddies im Bett sind als ein Single. Andere sind zufrieden, wie es eben ist, das ist auch in Ordnung. Und nur darum soll es hier auch gehen – Zufriedenheit. Wenn du nicht zufrieden bist, soviel sei hier zusammengefasst gesagt, ist das „mittlere Alter“ kein Grund es bei diesem Zustand zu belassen. Versagensangst und Bequemlichkeit sind meist die Schuldigen. Also bitte, Arschbacken zusammenkneifen, man muss sich später zumindest sagen können dürfen, dass man nichts unversucht und ungenutzt gelassen hat. Ja, die einen haben mehr Glück als die anderen, bin auch ich selbst überzeugt von, aber wer sich nicht bewirbt, darf nicht behaupten, dass ihn niemand nimmt, wer sich nicht auf die Bühne stellt, kann nicht mit Applaus rechnen, wer das Glück nicht herausfordert, hat kein Recht zu behaupten er hätte keins. Und wohl gemerkt, mit 53 geht diese Rechnung immer noch auf!

Ganz offensichtlich lässt sich beobachten, dass das Alter erst in tatsächlicher Interaktion mit anderen relevant wird. Wir verhalten uns und kommunizieren abhängig von Situation und Gesprächspartner. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der mir an Lebenserfahrung altersbedingt wesentlich überlegener zu sein scheint, stecke ich viel Energie in den Versuch als reife oder besser „weise“ Persönlichkeit anerkannt zu werden, die in Punkto Verständnis für Zusammenhänge ihrem Gesprächspartner in Nichts nachsteht. Dieser Weg dem Gesprächspartner auf Augenhöhe zu begegnen ist notwendig, damit die Kommunikation funktioniert. Ich versuche also stereotype Erwartungen, die mein Gegenüber aufgrund der Tatsache hat, dass ich 20 Jahre jünger bin, zu vernichten, indem ich mich also „älter“ mache. Selbige Strategie andersherum, wenn ich mich mit nem Teenager unterhalte. Ich nutze seine Register, nutze seinen Slang, bin jung. Jeder von uns tut das, ganz automatisch. Wir sind geprägt von gesellschaftlichen Stereotypen, haben Schwierigkeiten das Heterogene innerhalb einer Gruppierung zu filtern. Wenn beim Arzt vor uns eine optisch alte Frau steht, die ihren Termin vergessen hat, nehmen wir automatisch an, dass das am Alter liegt. Oft hört man wie Pflegepersonal in Krankenhäusern ohne jegliche Differenzierung die älteren Menschen behandelt wie kleine Kinder. Einfache Sätze, laut, patronisierend, übertriebenes Loben, Kosenamen u.s.w. So werden Menschen, die eigentlich über ein uneingeschränktes Sprachvermögen verfügen oft mit dem Gegenteil konfrontiert, was eine frustrierende Erfahrung sein muss und dazu führt, dass sich Abhängigkeiten früher einstellen als notwendig.

In den 90igern hat man eine regelrechte Diskriminierungswelle verzeichnen können. Wir erinnern uns an das Unwort des Jahres 1996: Rentnerschwemme. Die Medien sprachen von der „grauen Gefahr“, der „demographischen Bombe“ und „Seniorenlawinen“. Die Zeit titelte 1994 „Pest, Hunger und Krieg sind glücklich überwunden – nun sind die Alten da“. Dass man immer häufiger von Oma den Satz hörte „ich will sterben, um euch keine Last zu sein“ ist da nicht verwunderlich. Diese Gefahr wahrgenommen, überlegte man sich medial-sprachliche Strategien dem entgegenzuwirken. Der erste Schritt sind immer Umbenennungen, Euphemismen. Viele Dinge haben von je her einen ’schlechten Ruf‘ – das Altern, Krankheit, Tod, Behinderungen oder Ämter sind nur einige Beispiele. Indem man diesen Dingen ab und an einen neuen Namen gibt, versucht man Begriffe, die einen stinkenden Schwall an Assoziationen hinter sich herziehen für einen begrenzten Zeitraum wertungsfrei zu ersetzen. So handelt es sich mittlerweile nicht mehr um „Insassen“ eines Altersheimes, sondern um „Bewohner“, Menschen sind nicht mehr „behindert“ sondern „eingeschränkt“, Neger- Schwarze -Farbige, Arbeitsamt – Agentur für Arbeit, Hausmeister – Facility Manager – ihr kennt das Phänomen. Was ist aus den Alten geworden? rüstige, aktive Rentner, die fleißig die Welt bereisen, auf dem Fahrrad vor Vitalität strotzen und durch Weisheit und Lebenserfahrung einen wesentlichen Teil zum gesellschaftlichen Miteinander beitragen? Dieses Doppelbild der Jungen-Alten ist nach wie vor in Mode und wird selbst innerhalb dieser Altersgruppe genutzt, um sich abzugrenzen. So hört man die cocktailschlürfende Fraktion 60+ in der Lounge des Sternehotels auch mal gern über die verkalkten Alten ablästern.

Wir machen uns also nicht nur selbst so jung oder alt wie es uns gerade passt, sondern stecken (z.T. medial beeinflusst) Menschen jeglichen Alters in Gruppen und behandeln sie entsprechend ihrer festgelegten Merkmale. Warum suchen sich Betrüger speziell alte Leute, um ihnen am Telefon eine Versicherung oder Medikamente aufzuquatschen? Natürlich gibt es Tendenzen, das sieht man bereits, wenn man sich den Gesprächsstoff verschiedener Altersklassen ansieht. Die Jungen reden von der Zukunft, die Mittleren von ihren Kindern, die Alten vom Krieg. Aber so einfach ist es eben nicht. Alles in allem sollte man bemüht sein ganz bewusst mit dem Thema Alter umzugehen, denn es ist eine sehr relative Kategorie und wie hoffentlich deutlich geworden ist, kann und darf es niemals als Entschuldigung bemüht werden sich selbst oder anderen Dinge zuzutrauen oder nicht.

Du bist nicht alt oder jung, du lebst.
…und das nur einmal.

4 Gedanken zu „Wie alt bist du?

  1. Ein schöner Beitrag, zweifellos, aber nicht konsequent zu Ende gedacht.
    Das Alte, bzw. Mittelalte über ihre eigene Zukunft so negativ denken (hier in Form von „wer stellt mich in meinem Alter denn noch ein“ und weitere Beispiele) liegt nicht nur daran, dass es durch Medien oder soziale Konditionierung sich eingebläut hat, sondern ist wohl dem geschuldet, dass das Selbstwertgefühl durch das bisherige Leben bestimmt, die eigenen Erfahrungen und die wohl meist nicht einfach „erhaltene“ und nun eingenommene Stellung im sozialen Gefüge schwer erarbeitet sind. Egal in welcher Art, Weise und Form man sich in die eigene Position gebracht hat. Der Weg dahin ist zumeist hart und man scheut den Kampf ein weiteres Mal gehen zu müssen. Denn man konfrontiert sich mit einer „anderen, jüngeren Generation“, kann dementsprechend den Wettkampf nur mit mehr Einsatz und Arbeit offen gestalten. Sich hier durchzusetzen, erscheint den Meisten schwierig, da sie aus eigenen Erfahrungen im Leben wissen, dass dem so ist.
    Sie alle haben sich im bisherigen Job, im Leben und im eigenen Freundeskreis zu dem aufgebaut, wer sie heute sind, wer sie sein wollten oder sind noch im Begriff sich zu diesem aufzubauen. Dabei sind andere, hier zumeist ältere Mitmenschen zurück geblieben, weil die dem eigenen Aufbau im Weg standen oder sich Veränderungen verschlossen haben oder diese nicht mittragen wollten.
    Ist man nun selbst in der Position des Älteren oder des Alten will man natürlich nicht, dass es einem ebenso ergeht. Hier gilt das Motto: „Von dem jungen Schnösel lass ich mir doch nichst sagen.“
    Viele Grüße Kanu

    • ein korrekter Einwurf, aber nicht konsequent durchgelesen. In dem Satz „Versagensangst und Bequemlichkeit sind meist die Schuldigen “ steckt was du hier sagen möchtest, ich aber nicht weiter ausweiten wollte. Es geht darum die wahren Gründe für passives Verhalten selbst zu erkennen, das können die von dir genannten oder andere sein, meist aber, und das erlebe ich berufsbedingt täglich, wird es mit dem Lebensalter entschuldigt. Der sich angesprochene Leser soll motiviert werden darüber nachzudenken, die tatsächlichen Ursachen zu ergründen… ob er Angst hat, ob ihm Kraft fehlt u.s.w.. Denn erst wenn die Ursachen klar sind, kann man Strategien entwickeln, Ängste zu überwinden, Selbstbewusstsein aufzubauen. Wer nicht weiß, dass es an Selbstbewusstsein mangelt, kann nicht dagegen agieren. Wer Träume hat, mit dem Gedanken spielt dieses und jenes noch tun zu wollen, sollte es versuchen. Eine Analyse der tatsächlichen Hintergründe des stetigen „Zögerns“ hätte hier zu weit geführt, im Gesamten geht es darum wie „Alter durch Sprache konstruiert“ wird, ich bin nur wie immer kurz abgeschwiffen 🙂 danke fürs feedback!

  2. Liebe alte, ferne Freundin
    (das „alt“ bezieht sich natürlich nur auf die Dauer unserer freundschaftlichen Bekanntschaft –
    2013 feiern wir unsere 10-Jährige!),

    mit großem Vergnügen und ernsthaftem Interesse bin ich Deinen Gedanken zum Alter resp. Altwerden gefolgt.
    Hoffentlich kannst du dich erinnern, dass ich so gar nicht bereit bin, mit meiner Person die herkömmlich kolportierten Klischees bzgl. der „grauen Panther“ zu bedienen.
    Ich hätte mir allerdings gewünscht, die allgemein zutreffenden Bemerkungen zum Thema
    geschlechtstypisch stärker zu differenzieren. Männliche Artgenossen haben nach meiner Wahrnehmung bei den angesprochenen Fragen in jeder Altersgruppe einen weitaus höheren Nachholbedarf als die holde Weiblichkeit. Gilt doch bei vielen Männern noch heute die Trainingshose im häuslichen Bereich als modernes outfit. Der gepflegte Kugelbauch wird
    stolz vor sich hergetragen. Nur Weiber sind unästhetisch fett. Duschen ist ein freitäglicher Luxus, man tut damit schließlich etwas für die Umwelt und hilft Wasser zu sparen.
    Schließlich sind es die Kerle, die sich um das Auto kümmern und nicht so oft die einparkunfähigen Frauen. Dir fallen bestimmt noch weitere typisch maskuline Kriterien ein.
    Ich bin gespannt auf die Vertiefung deiner Gedanken bzgl. der Geschlechter.

    Speziell für die holde Damenwelt im leicht fortgeschrittenen Alter hätte ich da noch eine nicht ganz ernst zu nehmende Empfehlung:
    Wenn ich mir die Fotos der englischen Queen Elisabeth II. in den einschlägigen Hochglanzmagazinen der yellowpress vergleichend anschaue, teile ich die bewundernde Meinung der Massenkonsumenten, dass diese außergewöhnliche Madam noch immer aussieht wie vor 30 Jahren. Welch göttlicher Segen, welch innere Ein- und äußere Darstellung erhält nur dieses unvergänglich jugendliche Gesicht?
    Die Lösung kann nur so vermutet werden:
    Die Hofmaskenbildner Ihrer Majestät haben bereits 1960 vorausschauend das königliche face so modelliert und abbilden lassen wie es mit 80, 90 oder gar 100 Jahren (Queen Mum lässt grüßen) aussehen könnte. So bemerkt die staunende Öffentlichkeit kaum das unerbittliche Treiben menschlichen Alterns.
    Ergo, Mut zu einem altersresistenten make-up zur rechten Zeit!

    …du hast mich neugierig gemacht!
    In alter Freche – Dein oller Romulus

  3. Welch Freude, mein Liebster!
    danke für den erheiternden und wie immer sehr geistreichen Kommentar. Es gibt natürlich noch recht viele Aspekte, die man mit hätte betrachten können oder gar müssen: die Geschlechterspezifik oder die im Kommentar oben erwähnten psychosozialen Hintergründe für altersspezifische Verhaltensweisen, wie auch der Einfluss von Krankheit oder Herkunft (Afrika/Europa – Stadt/Land – Westen/Osten – Gohlis/Schleußig – Balkon/EBK) u.v.m.. Jedoch kenne ich meinen Hang zu schwafeln und vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten. Und dieser Text ist jetzt schon länger als die meisten gestressten Menschen bereit sind bis zum letzten Wort konzentriert durchzulesen. ABER, vor lauter Freude ‚alter‘ Freund, werde ich mich gern dem erheiternden Thema „Mann-Frau und warum Ersteres mehr Sinn macht“ annehmen, auch auf die Gefahr hin mir Feinde zu machen 😀 Die Queen ist über 80? Mensch!

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