Über brotlose Kunst

„Die Naturen von deiner Art, die mit den starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, die Dichter, Liebenden, sind uns andern, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen. Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens, euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren Raum […]“ (Hesse, Narziß & Goldmund)

Die kreativen Köpfe unserer Gesellschaft sehen sich oft mit dem Vorwurf „brotlose Kunst“ zu betreiben konfrontiert. Im Wortsinn wird diese Wendung meist bemüht, um unausgereiftes oder gar fehlendes wirtschaftliches Denken anzumahnen. Es gibt ohne Zweifel Momente, in welchen sich der Kreative dies tatsächlich gefallen lassen muss, Münder, die mit einer gewissen Berechtigung hier nachfragen dürfen und zwar dann, wenn der Künstler keine „Mäzene“ in Form von Eltern, Stipendien, Lottogewinnen oder Ähnlichem hat und an fremde Türen klopfen muss, um seine Galerie, seine Instrumente, seine vier Wände, seine Krankenversicherung u.s.w. zu finanzieren. Der, der zahlt möchte natürlich wissen wofür. Wenn die Allgemeinheit ihren Teil dazu beitragen soll, muss sie von der Notwendigkeit überzeugt werden. Genau an dieser Stelle prallen oft Welten aufeinander und die daraus resultierenden Diskussionen enden zu meist in völligem Unverständnis. Der Grund dafür hat mit der Kunst selbst oder Wirtschaftlichkeit an sich recht wenig zu tun, sondern vielmehr mit dem Umstand, dass ihr Menschen einfach nicht lernen wollt, dass das „Ich“, die „eigene Welt“ nicht das Maß aller Dinge ist. Dass der „Mensch“ kein Einheitsbrei ist, wird selbst der Einfältigste bereits erkannt haben. Wir unterscheiden uns nicht nur in Form und Gestalt, auch reicht es nicht zwischen den geistig Begabten und Unbegabten, den Reichen und Armen, den Glückspilzen und Pechvögeln, den Faulen und Fleißigen, den Gesunden und Kranken zu unterscheiden, sondern ist es im Wesentlichen das, was uns antreibt weiterzumachen, Sinn, welchen jeder von uns dem Leben versucht aufzubürden. Die meisten Kreativen lassen sich den Vorwurf der Brotlosigkeit im finanziellen Sinne gern und sogar zu recht gefallen, jedoch fühlt er (und das ist das eigentliche Salz in der stolzen Wunde) wenn der Begriff in einem Maße ausgedehnt wird, dass die Sinnhaftigkeit seines Schaffens an sich nicht ernstgenommen oder gar von oben herab belächelt wird. Doch sollte man eine andere Welt erst betreten haben, ihre schönen und schwachen Seiten selbst erfahren haben, bevor man sich Urteile anmaßen kann. Und oft wird vergessen wie oft wir die wunderbaren Landschaften dieser Welt erleben und nutzen, um unserem Dasein etwas Farbe zu verleihen. Jedes Buch, das uns zum lächeln oder nachdenken anregt, jeder Song, der zum tanzen, träumen, mitsingen animiert, jeder Film, jede Malerei, jedes Theaterstück, jeder Tempel und jede Kirche, die wir fotografieren sind blühende Früchte jener Welt der Sinnlichkeit, die in großen Teilen der Gesellschaft als nicht notwendig oder mit dem netten Finanzamtsterminus „Liebhaberei“ degradiert wird. Der Künstler arbeitet natürlich nicht in erster Linie wirtschaftlich, Gott bewahre, wenn er beginnt Kunst zum Zwecke des Ruhmes sei es finanziell oder in Form von Anerkennung zu schaffen, dann ist er kein Künstler, dann ist er Unternehmer. Wirtschaftliches Denken ist erst an dem Punkt akzeptabel, wo das Werk längst fertig ist und keine Sekunde vorher, wenn überhaupt?! Kunst unterliegt keinem Zweck, sie kann nur dann schön sein, wenn sie aus dem Herzen fließt und Geld verdient sich nunmal mit dem Verstand (von wenigen Ausnahmen abgesehen). Es ist der Abnehmer, der Rezipient, der Hörer, der entscheidet, ob Geld verdient wird oder nicht. Niemand sollte vergessen, dass es die kreativen Köpfe sind, die Sinnlichen unter uns, die mit ihren Melodien Autofahrten versüßen, mit ihren Bildern die Sonne auch bei Nacht scheinen lassen und mit ihren Versen unsere Emotionen weben. Der Künstler, der kleine Gott der Welt, versucht jene Dinge abzubilden und zu beschreiben, welche wir selbst als „unbeschreiblich“ bezeichnen, nämlich das, was wir Schönheit nennen, Inspiration nennen, Liebe nennen – all jene tiefen Emotionen, ohne welche wir alle verhungern würden. Soviel zur Brotlosigkeit!

Bevor sich der eine oder andere jetzt zurücklehnt sei jedoch noch gesagt, dass dieser Aufruf, den ich mir eingangs angemaßt habe, zu lernen, dass „die eigene Welt nicht das Maß aller Dinge ist“ für alle gelten sollte. Denn auch der Kreative, der Sinnliche, der Steppenwolf blickt auf den Rest der Gesellschaft herab von seinem göttlichen Throne, meint die Welt im Ganzen überschauen und beurteilen zu können, bildet sich teilweise ein, dass die einzig sinnvolle Geste, die von dort unten kommen kann, diejenige ist seine Welt zu huldigen und wenn’s geht am besten zu finanzieren. Dass dann mit Trotz und Arroganz reagiert wird, ist nicht verwunderlich. Luft und Liebe reichen nicht aus, um zu überleben und auch ihr müsst überleben, körperlich, geistig und psychisch, um produktiv sein zu können. Ihr braucht nicht nur ein Minimum an Kohle, viel schlimmer, ihr braucht die anderen Menschen. Ihr braucht sie, um von ihnen zu lernen, sie sollen eure Brötchen backen, eure Lehrer sein, eure Kinder betreuen, euch versichern, euer Bier zapfen, eure Haare schneiden und allem voran eure, ja eure, Gesellschaft verwalten. Unabhängigkeit ist Utopie, das wird der eine oder andere Gereifte schon gemerkt haben. Wir müssen uns mit dem arrangieren, was wir haben und das Beste daraus machen und vor allem dankbar sein, dass die Menschen nicht alle gleich sind, dass die andere Seite, die andere, fremde Welt existiert, denn ohne sie würden wir unserer tatsächlichen naturgegebenen Liebhaberei „besser zu sein als dies und jenes“ nie frönen können. Sich zu arrangieren, heißt nicht, nicht kämpfen zu dürfen. Wir kämpfen immer und alle, jedoch sollte man sich überlegen, ob der eigene Kampf einer ist, den man auch gewinnen kann, wenn nicht zieht dies Unglück nach sich und ich für meinen Teil möchte das Leben nicht mit heldenhaftem Unglücklichsein vergeuden. Wir tragen alle unseren Teil dazu bei, dass dieses System zumindest in soweit funktioniert, dass wir die Wahl haben und selbstbestimmt entscheiden dürfen, ob wir den ganzen Tag malen, musizieren oder Wohngeld berechnen und jeder sollte diese Entscheidung frei treffen dürfen ohne sich vor dem anderen dafür rechtfertigen zu müssen.
Natürlich ist diese Darstellung überzogen polarisiert, mir ist völlig bewusst, dass ein Großteil der Menschen sowohl mit Leidenschaft und Sinnlichkeit als auch mit Geist, Verstand sowie kalkulatorischer Kühle ausgestattet ist und die jeweiligen Register eben situationsbedingt zieht. Deshalb schweben die meisten Menschen auch zwischen den extremen Polen, repräsentieren das, was als „gesund“ und „normal“ bezeichnet wird, Begriffe, die auf eine quantitative Mehrheit hinweisen, nichts weiter. Vielleicht sollten wir den Begriff „normal“ einfach über mehr Toleranz weiter ausdehnen.
Im Ergebnis denke ich, dass wir aufhören müssen uns über unsere individuellen Stärken über andere zu erheben, stattdessen lernen sollten, dass die Stärken der Anderen unsere Schwächen ausgleichen bzw. den eigenen Horizont erweitern dürfen. Wir sind alle nur Menschen unter Menschen.

3 Gedanken zu „Über brotlose Kunst

  1. … fassen wir zusammen: Wer die Musik bestellt, bezahlt! Wer eine Ausbildung zum bildenden Künstler, zum Musiker und darüber hinaus anbietet, Menschen einen Lebensentwurf suggeriert der ein auskömmliches Leben sichert, der sollte dies eben auch gewährleisten müssen. Macht er auch der deutsche Staat, dank des SGBII. Die Umsetzung ist, bedingt durch Strukturen in Behörden individualisiert und ab und an mangelhaft. Daher mein Rat an alle Kunstschaffenden – organisiert Euch, macht Lobbyarbeit!

  2. Es sei vielleicht noch anzumerken, dass hier ausschließlich von den so genannten „schönen Künsten“ die Rede ist. Kreativität und Wirtschaftlichkeit sind natürlich vereinbar, aber das ist ein weiteres Feld….

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