„Nicht für jedermann: Grenzen“

Hermann Hesse genießt nun bereits seit mehreren Monaten meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich verfolge derzeit seine Texte, seine Gedanken, seinen Weg mit einem Blick fürs Detail wie es mir vorab nur selten gelungen ist. Ich selbst fühle mich durch die Lektüre seiner Romane, Erzählungen, Essays und vor allem Briefe seit Wochen gehemmt selbst produktiv zu werden. All meine mehr oder weniger gelungenen Schreibübungen galten der Vorbereitung auf ein größeres Ganzes, ein eigenes Werk, in welchem es irgendwann gelingen sollte auf fiktionalem Wege den Ausgang jenes kunterbunten Irrgartens zu finden, den ich mein Leben nenne. Hier finde ich nun, was mir selbst hätte irgendwann gelingen sollen. Hier sehe ich nun, dass Hesse bereits in einer Reinheit und Vollkommenheit geschaffen hat, was mir selbst nicht gelingen kann, nicht in dieser Schönheit. Es ist alles gesagt, alles in Worte gekleidet, die das bewegte Leben meiner Gattung, ihre wirren Gedanken entknotet und verfolgbar macht. Sein „Steppenwolf“, sein „Siddhartha“ und ganz besonders sein „Demian“ weisen mich literarisch in meine Schranken, erinnern mich daran, dass ich hier und da in der Lage bin Zusammenhänge zu verstehen (was natürlich auch schon viel Wert ist) aber nicht in solcher Perfektion wiederzugeben vermag. Der Geist ist ein Muskel, der trainiert und gefüttert werden muss. Jede längere Pause und jedes fette Steak, was man ihm gönnt führt unweigerlich zu seiner Degeneration. Ähnlich wie bei einem Akku ist es zwar möglich verlorene Energie aufzuladen, doch verkürzt sich die Laufzeit mit jeder Wiederholung des Prozedere. Wer jedoch frische Luft genießen möchte, die Menschen seine Freunde nennt und Wert auf ein paar Habseligkeiten oder gar Familie legt, muss pausieren. Ich habe zuviel pausiert und pausieren müssen und bin nun gezwungen in meiner Mittelmäßigkeit zu verharren – eine Vorstellung, die mir vor wenigen Jahren noch die ganze Lust am Leben genommen hätte. Mittlerweile habe ich gelernt, die gute Seite einer jeden Medaille zu betrachten und nutze demnach die jeweiligen Vorteile eines aktuellen Zustands, d.h. ich erkenne und akzeptiere meine Grenzen, Stärken und Schwächen längst, weshalb dieser Umstand nicht wirklich ein Gefühl der Enttäuschung hervorruft. Vielmehr bin ich dankbar auf Hesse gestoßen zu sein, auf einen Lehrer, dem ich vollends vertraue. Wer sich mit Goethe oder Shakespeare beschäftigen durfte, weiß, dass da immer jemand besser ist. Für mich ist Goethe ein Übermensch, ein Mann, dem es gelungen ist, sein mitgeliefertes Potential in einem mir sonst nicht bekannten Umfang zu nutzen, seine Talente und Leidenschaften früh zu identifizieren und sie im Laufe seines Lebens zu verfeinern und scheinbar ohne große Umwege zur Vervollkommnung zu führen. Anders kann ich mir den Faust zumindest nicht erklären. Der alte Goethe vollendete seinen Faust zu einem Zeitpunkt, als er bereits auf einem Gipfel Platz genommen hatte, den der Kleingeistige mit bloßem Auge nicht einmal an einem klaren Tage hätte sehen können. Den Weg dorthin bewältigte er, glaubt man Friedrich Schiller, mit der Sicherheit eines Nachtwandlers. Schiller rühmte Goethes naive (geniale) Natur, dank derer er „zwar nicht unreflektiert, aber doch unbeirrt von störenden Reflexionen arbeiten kann“(1). Hesse dagegen würde wohl in die Schillersche Kategorie des sentimentalistischen Dichters fallen, der angefangen bei körperlichen Gebrechen gegen seine Natur kämpfen muss und der eben aus Abstand zu seiner Natur arbeitet. Die Texte entstehen nicht wie bei Goethe aus einem unfehlbaren Instinkt heraus, sondern quellen aus dem Bewusstsein. Wenn man alle seine Protagonisten in einer Person zu vereinen versucht, erhält man Hermann Hesse, der zeitlebens bemüht war eben diese Einheit bestmöglich herzustellen. Seine Schriften zeichnen den Kampf eines Individualisten nach, einen Kompromiss zu finden, der ein Zusammenleben erlaubt „in dem der Mensch nicht zum Herdentier wird, sondern die Würde, die Schönheit und Tragik seiner Einmaligkeit behalten darf“(2). Keine einfache Aufgabe, aber sinnstiftend allemal. Seine Texte sind Tagebucheinträge mit fiktionalem Charakter und gleichzeitig Werkzeuge zur Analyse und Stabilisierung seiner Seele.

Als ich seinen „Steppenwolf“ 2008 zum ersten Mal gelesen habe, war das ein derber Schlag ins Gesicht für mich. Ich las das Traktat, fühlte mich unfassbar bestätigt in meinen Anschauungen und sollte im späteren Verlauf des Buches Seite um Seite erlernen, dass ich dabei bin einen schweren Fehler zu begehen, sollte verstehen und einsehen, dass mein ‚hohes‘ Ziel keineswegs erstrebenswert ist. Aber natürlich ließ ich mir nicht von einem Buch, einem Fremden diktieren und vorschreiben ob ich nach rechts, links, oben oder unten gehe, denn solche Entscheidungen müssen aus eigenen Erkenntnissen quellen, damit man sie in Leben umwandeln kann. Dies dauerte noch ein paar Jahre. Heute lese ich Hesse und fühle mich nicht mehr erschlagen, sondern gestreichelt, kann lächeln über mich, über die anderen, über das Leid, die Freude, die Leidenschaft, das Leben, denn ich bin an meine Grenzen gestoßen, versuche diese nicht mehr zu überwinden sondern lerne innerhalb dieser Grenzen das Glück zu finden und das allein ist schon genügend Arbeit für zwei Leben.

für Quellenfetischisten:
(1) Vgl. Rüdiger Safranski „Goethe und Schiller: Geschichte einer Freundschaft“ 2011
(2) Volker Michels (Hrg.) „Materialien zu Hermann Hesses ‚Demian’“1993

2 Gedanken zu „„Nicht für jedermann: Grenzen“

  1. DAS nenn ich doch mal ein Kompliment 😉 Für nen Facebook-Status benötigt man in der Regel ne knappe Sekunde und für viel mehr fehlt oft die Geduld…so freue ich mich über jeden der wertvolle Lebenszeit für mein Geschmakel opfert, … wer immer du „auch“ bist.

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