Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil I)

safranski1Ab und an war ich so fasziniert, dass ich den Kopf stolz empor hob, hinaus aus dem Fenster die im Sonnenschein glänzenden, schneebedeckten Allgäuer Gipfel anlächelte, so als würde ich sagen „kommt ihr doch runter und genießt meine Aussicht!“, denn glückliche Umstände spielten mir eine elegant und lebhaft erzählte Geschichte über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller in die Hände. Ich bin überwältigt von der augenscheinlich mühelosen Virtuosität, mit welcher die Unmenge an Material* auf eine Art und Weise gebändigt und ineinander verwoben wurde, dass es den Leser förmlich in die Geniezeit katapultiert, wo er flanieren, sich bilden und allerlei Kontakte knüpfen kann, um schließlich nicht nur wohlgelehrten Verstandes, sondern auch wohlgenährten Herzens wieder aus dem Buch in die eigene Realität zurück zu purzeln.

„Fahren Sie fort mich durch Ihre Liebe und Ihr Vertrauen zu erquicken und zu erheben“ – Genese einer Freundschaft

Mit Spannung folgt man dem kränklichen Schiller, der sich anfänglich wie ein im erdigen Schattenreich des Dschungels verwurzeltes Kletterpflänzchen auf den Weg macht den von Sonne und Göttern erleuchteten Wipfel jenes Giganten zu erklimmen, dessen Name später einer ganzen Epoche gewidmet werden sollte. Der Weg zur Krone ist kein einfacher für Friedrich Schiller, der sich bereits vom ersten Ast, den er zu fassen bekommt abschütteln lassen muss. Dieser Mensch, dieser Goethe, schreibt er nach der ersten Begegnung einem Freund ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, daß das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und wie muß ich bis auf diese Minute noch kämpfen! (…) Er macht seine Existenz wohltätig kund, aber nur wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben.** Es kränkt den Autor der Räuber, der zu diesem Zeitpunkt bereits kein Unbekannter mehr war und sicherlich mit hohen Erwartungen dieser Soiree im September 1788 entgegenfieberte, nun von Goethe (der auf Die Räuber nicht gut zu sprechen war) weitgehend ignoriert zu werden. Schiller ist es nicht erspart geblieben sich die Freiheit schriftstellerisch überhaupt tätig werden zu können hart erkämpfen zu müssen. Im Gegensatz zu Goethe, der in einem vermögenden Haushalt mit eigener Bibliothek, renommierten Hauslehrern und anerkennender familiärer Unterstützung gedeihen konnte. Schiller war als Regimentsarzt bei der Herzoglich Württembergischen Armee in einer streng reglementierten Existenz gefangen, verdiente wenig Geld, durfte die Karlsschule nicht ohne Erlaubnis verlassen, war alles in allem unfrei in seinen Entscheidungen. Zwei Wochen Arrest und ein Verbot jedweder nichtmedizinischer Schriftstellerei waren das Ergebnis seiner heimlichen Reise nach Mannheim zur Uraufführung seines eigenen Stückes, bei welcher es Augenzeugenberichten zufolge wie im Irrenhaus zuging – glücklicherweise, denn Schiller hatte vorab zirka 2/3 seines spärlichen Jahreseinkommens in den Druck „Der Räuber“ investieren müssen, da er keinen Verleger fand. Hinzu gesellte sich der Umstand, dass Schillers Körper kein Freund von Gesundheit war, er seine Schaffenskraft dadurch zusätzlich gezügelt sehen musste.

Schillers literarische und philosophische Produktivität wie auch sein durchschlagender Erfolg als (unbezahlter) Geschichtsprofessor an der Universität Jena über die nächsten Jahre blieben Goethe natürlich nicht verborgen und so lernte er ihn schätzen wie auch Schiller über die Jahre, die dem ersten Treffen folgten, bemüht war auf seine Arbeit zu fokussieren ohne sich von bremsenden Neidgefühlen entmutigen zu lassen. Und so geschah es, dass Goethe und Schiller im Sommer 1794 erneut aufeinander trafen und bis zum frühen Ableben Schillers die Geister nicht mehr voneinander lassen konnten. Diese Jahre der Zusammenarbeit und Freundschaft, diese Sternstunden deutscher Literaturgeschichte, lässt Safranski in seiner 2011 veröffentlichten „Geschichte einer Freundschaft“ in unverwechselbarer Manier erneut aufleben.

Im Frühling begleitet man das ungleiche Paar auf langen Spaziergängen, im Winter gleitet man mit ihnen über zugefrorene Seen, um es sich anschließend bei Tee und Pfeife in den Abendstunden gemütlich zu machen. So folgt man ihren langen Gesprächen, nimmt Teil an hitzigen Diskussionen, stöbert in ihren unzähligen Briefen und wird so Zeuge einer folgenreichen Annäherung. Schiller rühmte Goethes naive (geniale) Natur, dank derer er zwar nicht unreflektiert, aber doch unbeirrt von störenden Reflexionen arbeiten kann**. Seine Verse gingen ihm immer und überall leicht von der Hand. Mit nachtwandlerischer Sicherheit arbeitet Goethe aus einem scheinbar unfehlbaren Instinkt heraus. Schiller dagegen würde wohl in seine selbstformulierte Kategorie des sentimentalischen Dichters fallen, der aus Abstand zu seiner Natur arbeitet, uneinig mit sich selbst und der Welt. Hier quellen die Texte aus dem Bewusstsein, sind geplant, reflektiert und zurechtgelegt. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen schreibt Schiller rückblickend.** Zwei Welten prallen also aufeinander, die sich einander zunächst öffnen und später verschmelzen. Erst durch die Vermischung und Versöhnung zweier extremer Pole, dem Zusammenspiel von Intuition und Reflexion, von Vernunft und Natur, arm und reich, hell und dunkel konnte erwachsen, was wir heute Schiller und Goethe nennen. Wenn Goethe später in seinen Aufzeichnung von dem „glücklichen Ereignis“ sprach, bezog er dies auf das Zusammentreffen mit Schiller, durch welchen er sich in einem emsigern und lebhafteren Gebrauch seiner Kräfte ermuntert sah.**

Safranski lässt den Leser diese wachsende Nähe und Vertrautheit spüren, streut wieder und wieder gefühlsstarke Phrasen aus dem regen Schriftverkehr zwischen die Zeilen und verdeutlicht damit auf herausragende Weise, wie fundamental das Miteinander zweier Menschen von so unterschiedlicher Natur die Produktivität ankurbeln kann, wenn nur „der Funke überspringt“. Goethes Faust wäre vielleicht nie zum Abschluss gekommen, hätte Schiller nicht wieder und wieder gedrängt. Etwa ein Jahr nach Schillers Tod 1805, setzte sich Goethe wieder an sein Meisterwerk – seinem Freund zu liebe.

*  Safranski nutzt ausschließlich primäre Quellen: Tagebücher, Aufzeichnungen, Werke, Schriftverkehr (untereinander, mit anderen Zeitgenossen) ** Safranski. Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft.2011

_________________________________________________________________________

Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerwegten
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Fazit

3 Gedanken zu „Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil I)

  1. Pingback: Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil III) | Euphorion

  2. Pingback: Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil II) | Euphorion

  3. Pingback: Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Fazit) | Euphorion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s