Nun auch noch ICH in Arkadien :1: Neue Wege

IMG_7467Da nun gerade keine Kutsche zur Verfügung stand, wählte ich ein Verkehrsmittel, welches ich ähnlich selten nutze – den Zug. Während die Deutsche Bahn für eine einfache Fahrt vom Berliner Flughafen nach Leipzig ganze 49,-€ verlangt, macht sie auf der anderen Seite den Weg frei für in etwa den selben Betrag durch halb Europa zu düsen – je nach dem, von wo man startet. Für meine Fahrt nach Venedig zahl ich 69,-€ und habe sogar die Möglichkeit die eigentlich dreizehnstündige Strecke zu teilen, fahre also bis München, statte dort Freunden noch einen Besuch ab und steige erst tagsdrauf in den Eurocity ins gelobte Land. Für mich eine herrliche Abwechslung einfach mal aus dem Fenster sehen zu können ohne mich permanent vor versteckten Blitzern, meiner Tankanzeige und wahnwitzigen Geisterfahrern fürchten zu müssen. Die Strecke zwischen Leipzig und Venedig ist landschaftlich ein Genuss. Bereits in Thüringen gerate ich in unbändige Euphorie über mich selbst und meine Entscheidung den Flieger stehen gelassen zu haben. Überall frisches Frühlingsgrün, bewaldete Hügel, gelbe Felder und blühende Obstbäume. Pferde grasen vereinzelt am Flussufer der Saale. Urige Kirchtürme erheben sich aus eben so urig wirkenden Dörfchen voller Fachwerkbauten. Erstmals hält der Zug in Schillers Jena. Ein Kaufhaus wurde hier nach ihm benannt, sehr unpassend, wie ich finde. Je tiefer wir in das Thüringer Land fahren, desto dunkler und dicker formieren sich die Wolken. Hinter Saalfeld verliert sich langsam die Weite. Dichte Nadelwälder umschließen die Bahnstrecke, Hügel werden zu Bergen, erste schroffe Steilwände und Felsen kommen hier und da zu Vorschein. Auf den saftigen Wiesen dazwischen liegen einige Kühe faul herum. Ich mag Kühe – die wirken immer so herrlich ignorant wie sie so kauen und schauen und einfach den Moment zu genießen scheinen. Auch kann ich mich nie zusammenreißen und muss diese lasziven Kaubewegungen immer imitieren. Süß. Wären da nicht hier und da graffitibesudelte Brückenpfeiler möchte man meinen, hier sei die Zeit zu einem wundervollen Zeitpunkt stehengeblieben. Mit dem Kopf lehne ich am Fenster und freue mich insbesondere über langgezogene Linkskurven, denn auf diese Weise sehe ich die Spitze meines futuristischen Gefährtes durch die unberührt wirkende Berglandschaft gleiten – eine romantischer Gegensatz, wie ich finde, man scheint sich zwischen den Zeiten zu bewegen.

Überpünktlich stehe ich am nächsten Tag neben dem Eurocity, der mich nun in die Wasserstadt befördern soll.  Ein Zugbegleiter gibt mir den Hinweis den vordersten Teil des Zuges aufzusuchen – die Chancen stünden gut, dass ich ein Abteil für mich allein habe. Mitten in der Woche und außerhalb der Ferien gelingt dieses Unterfangen ohne großartigen Aufwand und so richte ich mich mit meinen Überlebensmitteln in dem Sechsmannzelt ein – am liebsten hätte ich ein Klingelschild draußen an der Scheibe angebracht (der Drang Dinge sein Eigen nennen zu wollen, ist wohl doch sehr tief verankert?!). Ein Infoflyer verrät wo es langgeht: München – Rosenheim – Kufstein – Wörgl – Jenbach – Innsbruck – Brenner – Fortezza – Bressanone – Bolzano – Trento – Rovereto – Verona – Padova – Venezia. Ahhh Venezia. Vorfreude macht sich breit.
Wir nähern uns also zunächst dem Allgäu und Österreich und schon greift meine Hand reflexartig zu meinem Fotoapparat im Telefondesign, in der Hoffnung auf Bild oder Video festhalten zu können, was man erblickt. Man weiß vorab, dass die Momentaufnahme der Realität kaum in die Karten schauen kann, lernt aber einfach nicht daraus. Wie immer lasse ich mich vom Allgäu einlullen, gerade jetzt zur schönsten Jahreszeit, wenn alles erwacht, das Grün der Bäume so frisch und lebendig anmutet, die Flüsse und Seen in der Sonne glitzern und der Schnee auf den Berggipfeln das Sahnehäubchen des Moments zu sein scheint. Ab Innsbruck häufen sich die Tunnel, mein Abteil fühlt sich dann ganz plötzlich wie ein fahrendes Büro an und so sieht es auch aus, wenn ich mich so umblicke. Mit jedem Tunnel scheinen sich Wälder und Anhöhen dem Zug zu nähern. Je höher die Berge in den Himmel steigen, desto kleiner wirkt alles Menschengemachte auf und zwischen den Hängen. Die Wiesen scheinen so sanft und weich, dass man sich aus dem Zug hineinwerfen möchte. Klare, lebendige Bäche und Holzbrücken durchziehen hier und die Landschaft. Man umschreibt es gern als ‚malerisch‘, denn alles scheint nur gemacht, um es zu betrachten. Hier zeigt die Natur mit deutlich überheblichem Augenzwinkern, wer die Hosen an hat!

IMG_7481Am Brenner angekommen haben wir zehn Minuten Aufenthalt, bevor wir in einem langgestreckten Tunnel landen, der mir die Sicht nun verwehrt und mich zudem in leichtes Unwohlsein stürzt. Kurzes Nickerchen. Bozen. Erste Weinreben. Kilometerlange Felder auf beiden Seiten neben der Gleise, dann irgendwann eine Straße, dahinter Häuser, mal vereinzelt, mal verdichtet und schließlich Kalksteinfelsen mit dichter grüner Wollmütze, die langsam an Höhe verlieren, jedoch an Form gewinnen. Fruchtbares Land soweit das Auge reicht, jeder Millimeter wird hier dem Wein gewidmet. Industrie, irgendwo muss sie ja sein, in Bahnhofsnähe Trento, entsprechend graue, hochgewachsene Häuserblocks, um das dort schuftende Personal zu beherbergen. Dann wieder Wein. Der Himmel ist bedeckt mittlerweile, jedoch ist wohl kein Regen zu erwarten, die Wolken schleiern so ein bisschen vor sich hin. In Rovereto sitzen ein paar Jugendliche, vielleicht vierzehn/fünfzehn am Bahnsteig. Sie sind wesentlich schöner alle miteinander, als die, die ich so in Birmingham antraf. Schwarzhaarig, braungebrannt, stylisch gekleidet, nicht zu bunt wie das bei uns grad Mode ist. War neulich mal shoppen. Hab’s versucht. Mit Sonnenbrille ging’s dann auch einigermaßen im New Yorker. Batic?! Nun ja, ich hab bereits seit Ende der 90iger Probleme mich anzupassen. Kommt ja aber alles wieder, auch der Zeitpunkt, wo ich wieder hip bin wie eine bunte Strumpfhose. Zur Zeit fall ich nicht weiter auf, da jeder Style als ‚alternativ‘ durchzugehen scheint, der preiswert und frei von dicken Labelaufdrucken ist (es sei denn man ist so „outdoor“). Dreißig Kilometer und ein langer Tunnel später verabschieden sich die Berge und Weite macht sich breit. Nächster Halt ist Shakespeares Verona. Hier die ersten Palmen. Auch die Gebäude nun in typisch mediterranem Stil, grüne Fensterläden, kleine Schornsteine, Blumen auf den Terrassen. Um 18:10 erreiche ich in ungewöhnlich entspannter Verfassung dieses Venedig, von dem alle reden…

Neu im kreativen Repertoire –  geMELde 😉
„ICE in erhabener Landschaft mit Vögeln“

Foto

4 Gedanken zu „Nun auch noch ICH in Arkadien :1: Neue Wege

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