Nun auch noch ICH in Arkadien :2: Ver(w)irrt in Venedig

Ob Venedig ihrem Ruf die wohl romantischste Stadt auf diesem Planeten zu sein gerecht wird, sollte sich nun im Laufe der nächsten drei Tage zeigen.

Tag 1

18:10 Uhr. Auf dem Bahnhof Santa Lucia angekommen, erblicke ich zunächst einen riesigen Desigual Store. Kurz verdrehe ich die Augen, vergesse jedoch den kurzen Zwischenfall als ich aus dem Bahnhof heraustrete und sich der Canal Grande mit allerlei schwimmfähigen Gefährten darauf vor mir ausbreitet. Konsequent wie ich bin, verlege ich angesichts der einmaligen Kulisse das kürzlich wiederholt begonnene Experiment ‚Nikotinentzug‘ auf einen passenderen Zeitpunkt, setze mich auf meinen Koffer ans Ufer, blicke auf die gegenüberliegende Kirche und beobachte das bunte Treiben zahlloser Menschen mit viereckigen Gesichtern auf der riesigen, steinernen Brücke zu meiner Linken. Dann ziehe ich meinen Koffer und Körper durch die Strada Nova, eine sehr belebte, größere Einkaufsgasse. Aus den Schaufenstern starren mich tausende, bunt verzierte Karnevalsmasken an. Lauf! Weiter über insgesamt drei kleine Brücken, vorbei an bunten Blumenläden, duftenden Obstständen und viel Ramsch im Antiquitätenkostüm erreiche ich den Campo Santa Fosca, wo mich die Statue eines Herren Paolo Sarpi erinnert die Hauptstraße zu verlassen und am ruhig gelegenen IMG_7520Fondamenta Canal entlang direkt zum Hostel zu laufen. Ich bin verzückt von den alten Ziegelmauern und dem am Wasser gelegenen Gärtchen der studentischen Unterkunft.
An jedem  anderen Ort würde man die Einwohner unter derart bedrohlich wirkenden Umständen evakuieren, hier jedoch sind die vom Wasser ge-zeichneten Fassaden Teil der unge-wöhnlichen Romantik. Nachdem ich mich meines Gepäcks nun entledigt hatte, konnte ich es natürlich trotz fortgeschrittener Stunde kaum erwarten loszupilgern.
Da die Strada Nova so hauptmeilenmäßig wirkte und mich fast geradewegs vom Bahnhof zur Unterkunft führte, hatte ich keine Zweifel mich jederzeit schnell wieder zurückzufinden – wichtige Punkte sind schließlich überall ausgeschildert und Paolo erkenne ich allemal wieder. So schlenderte ich durch das Labyrinth an kleinen Gassen, noch kleineren Gassen und klitzekleinen Gassen. Manchmal ist man sich sicher, dass so eine Schlippe niemals irgendwo anders hinführen kann als in den Tod, aber nein, einmal durch die Wäscheleinen hindurch gekämpft, stehe ich ganz plötzlich am offenen Meer. Ich lasse mich in einer Bars nieder,  genehmige mir einen überteuerten Espresso und werfe einen ersten Blick auf die in der Lagune liegende Friedhofsinsel, bevor ich unkoordiniert weiterlaufe und mich plötzlich auf der Rialto-Brücke wiederfinde. Sonderlich spektakulär mutet diese nicht an, vielleicht etwas größer als die die meisten anderen der tausend Brücken, aber sonst? Sie war wohl die erste Brücke, die den großen Kanal überspannte und wer zuerst kommt, malt eben zuerst. So siedelte sich praktischerweise einst alles Geschäftige rund um diese Brücke an und ist bis heute geblieben. Foto ist also Pflicht.

IMG_7541Es wurde dunkel. Ich wollte nun zurück. Schnell wird klar, dass man sämtliche in Vorbereitung zurecht gepackte Straßenkarten im besten Fall zu kleinen Papierbooten falten und sie dem Wasser überlassen sollte, wo sie höchstwahrscheinlich mehr Freude bringen als in ihrer ur-sprünglich gedachten Funktion. Vorab installierte Italienkarten auf dem Telefon helfen ebenso wenig, können maximal assistieren die grobe Rich-tung beizubehalten. Venedig hat rund 150 Kanäle, 411 Brücken und 3000 Gassen, die zu allem Überfluss namentlich mehrfach existieren – die Calle Forno gibt’s insgesamt 18 mal, um das prominenteste Beispiel zu nennen. Mein Navi im Telefondesign sagte, es handle sich um 550 Meter bis zum Ziel. Anderthalb Stunden später waren es immer noch 600 und meine Laune schwappte in den Keller. Ich glaubte Venedig nun vollständig gesehen, alle 3000 Gassen zweimal durchlaufen und alle Brücken viermal überquert zu haben. Die Füße schmerzten und mein Rucksack hatte sich dem Gefühl nach bereits bis auf den Knochen gefressen. Als ich Paolo nach meinem zweistündigen Spaziergang schließlich entdeckte, hielt ich dann aber doch noch einmal inne. Drei Straßenmusikanten trällerten

IMG_7527mit allerlei Instrumenten bewaffnet ein Liedchen. Ich setze mich mit zu den fünf oder sechs Leuten auf die Steintreppe vor der kleinen Kathe-drale. Ein Passenger-Song und zwei scheinbar bekannte italienische Mittanzliedchen später war der Platz gefüllt, der Applaus schallte durch die Gassen und mein Zustand stabilisierte sich bis hin zu einem breiten Grinsen im Gesicht, denn plötzlich war er nun da, der Moment des Ankommens. Zwar wusste ich, wo ich bin, doch jetzt konnte ich es endlich fühlen. Die laue Abendluft, die aufgeheiterte Stimmung, die mediterranen Klänge, der versteckte kleine Platz, die zerschrammten Fassaden und tanzenden Boote  – meine Güte, ich war in Venedig!

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