Nun auch noch ICH in Arkadien :3: Biketour am Lido & Flucht vom Markusplatz

Tag 2 Frühaufsteher haben an Touristenmagneten einen entscheidenden Vorteil: Platz! Kurz nach sieben bin ich bereits motiviert wie eine frischeingewechselte Glühbirne im ersten Backshop zu finden „Kaffee zum aufm Steg trinken, bitte“ denke ich, spreche es aber nicht aus, um die Angestellte zu schonen und meine Herkunft zu verschleiern. Ich laufe im Zickzack, einfach weil ich’s kann.

IMG_7529Gondeln, Fähren und Wassertaxen schaukeln noch angekettet an den Ufern. Auf den Kanälen sieht man jetzt Venezianer auf alten Booten, die die täglich benötigten Waren zu ihren Bestimmungsorten verschiffen. Auch Baumaterial, Schläuche, Maschinen, Werkzeuge – all diese Dinge, die auf den Straßen jedes anderen Ortes geordnet in Caddies, Lieferwagen und LKWs verstaut sind, fahren hier im Cabrio-Style übers Wasser. Ein junger Bursche mit viel Gel im Haar und großer Sonnenbrille im halben Gesicht steuert telefonierend ein Boot durch ein Brücke. Ein venezianischer Stadtrundenproll! Wie schön. Ach, Jugend! Am Plaza de la Roma kaufe ich mir ein 36h- Ticket für die Wasserstraßenbahn, steige auf das Boot der Linie 1, die einen Großteil der schönsten Bauwerke passiert, um mich schließlich am Lido abzusetzen. Auf diesen Strand habe ich mich ganz besonders gefreut, denn Thomas Mann hat hier seinen Gustav Aschenbach aufleben, lieben und sterben lassen. Nur ein paar Meter den Strand entlang über Millionen zerhackte Muscheln stolpernd entdecke ich auch ein Hotel, dessen Strandhüttenformationen an die Verfilmung der Novelle erinnern.* Auf einem in das Meer hineinführenden Steg aus Felsbrocken nehme ich mir ein paar Minuten Zeit auf die glitzernde Allee zu blicken. Eine Gruppe deutscher Damen mittleren Endalters stören jedoch die Idylle durch laute Beschwerdediskussion über diese und jene Person und deren vorgespielten Krankheiten. Ich gehe, denn es regt mich immer auf, wenn Leute sich aufregen. Ich wage die Strandbar, esse und trinke verhältnismäßig gut und günstig und bemerke die allgemeine Menschenleere am Lido trotz sommerlicher Verhältnisse an diesem Tag. Wahrscheinlich bin ich, wie üblich, einfach nur zu früh.

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Dann leihe ich mir ein wunderbar rollendes Damenrad mit Körbchen vorn dran und düse los. Nach den Erlebnissen des Vorabends ist es ein herrlich befreiendes Gefühl an der frischen Luft mobil zu sein ohne sich die Füße wundzulaufen. Die ersten Kilometer sitze ich apathisch grinsend auf meinem Sattel und genieße die lauwarme Luft auf meiner Haut. Die Straße führt mich am Meer entlang bis in das malerische Dörfchen Mala-mocco. Hier liegt der Hund begraben, ist mein erster Gedanke  – witzigerweise ist ein Hund schließlich das einzig lebendige Wesen, welches ich im Ortszentrum auf den ersten Blick ausmachen kann. Wäsche wedelt an den Fenstern, die Kirchenglocke läutet und der Hund rennt quer über den Platz in ein kleines Geschäft hinein. Dem Hund folgend treffe ich dann doch auf einen Menschen, der mir Kaffee, Wasser und Kippen verkauft und somit meine wenigen Bedürfnisse des Augenblicks stillt. Dann radle ich fröhlich weiter bis nach Alberoni und auf der anderen Seite wieder zurück.

IMG_7629Zurück im Labyrinth verschlechtert sich meine Laune minütlich. Ich habe Hunger und mich irgendwie zum Markusplatz verirrt. Daran war nichts schön, schon gar nicht das merkwürdige Volk neben den aufgesetzten Musikanten. Die Menschen, die sich dort gut gepudert im feinen Zwirn ein ‚romantisches‘ Wochenende gönnen, sitzen bei Ker-zenschein nebeneinander ohne sich anzusehen, schweigen dafür lauter als die Band spielen kann. Der Dom ist einigermaßen ansehnlich. Mir wird klar, dass der Hunger mein Bild trübt, ich wie ein ningeliges Kind alles doof finde bis mir jemand eine bezahlbare Pizza verkauft. Mit Johnny Depp an der Hand wäre sicher alles schöner. Als der Magen dann endlich gefüllt war und ich es dann doch in Rekordzeit bis zu meiner kleinen Bar im geselligeren Cannaregioviertel geschafft hatte, war die Welt dann doch wieder in Ordnung. Der Nebentisch fordert mich auf das alkoholfreie Getränk und meinen Laptop in den Kanal zu werfen und zur Vernunft zu kommen.

* zum „Tod in Venedig“ hatte ich bereits 2010 ein paar heute nicht mehr zu verantwortende Zeilen verfasst. Wer mag und der englischen Sprache mächtig ist, kann den hier aus dem Archiv kramen.

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