Nun auch noch ICH in Arkadien :4: Inselhopping & Auflösung der Preisfrage

Tag 3

Nach zwei Tagen bin ich nun in der Lage mich grob orientieren zu können. Ohne größere Umwege finde ich um die Ecke an der Fondamenta Nuove das richtige Vaporetto (so heißt die Wasserstraßenbahn hier), welches mich heute von einer Laguneninsel zur nächsten  verschiffen wird.
IMG_7668Erster Halt: die Friedhofsinsel San Michele. Dutzende Steilzypressen und eine hohe, rote Mauer umgeben den nur 17 Hektar großen,  schwimmenden Zentralfriedhof der Stadt.  Man kommt nicht umhin sich zu fragen über wieviele Etagen sich der Tod hier stapelt, denn die Insel ist verhältnismäßig klein. Recherchen, also Wiki-pedia, haben ergeben, dass man die Leute wohl zunächst in normalen Gräbern bestattet, sie später dann exhumiert und in hohe Blöcke schichtet. Ezra Pound, Joseph Brodsky & Igor Strawinski gehören zu den wenigen auswärtigen Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhe  finden durften. Mein Gefühl auf Friedhöfen ähnelt dem, welches mich in Kirchen ereilt. Konfrontiert mit dem stetigen Kommen und Vergehen des Lebens fühle ich immer Ruhe ins Gemüt strömen. Dem emsigen Treiben des Geistes kann hier Einhalt geboten werden, denn natürlich wird einem hier bewusst, wie bedeutungslos und schlicht zeitraubend viele Sorgen und Gedanken so sind, die einem manchmal unnütz den Schlaf rauben. Als ich durch das Tor hinaus zur Haltestelle gehe, sehe ich eine Ansammlung von Menschen und vernehme einen jungen Mann, der laut schluchzend in den Armen eines anderen versinkt. Tatsächlich wurde hier soeben vor den Augen der Touristen ein mit weißen Blumen geschmückter Eichensarg von einem Boot auf den Steg verladen. Die Anlage hatte doch mehrere Zugänge? Warum macht man das hier? Kurz brennen mir die Augen als ich die Trauer des jungen Mannes wenige Schritte neben mir mitfühlen musste. Ich ärgere mich über diese pietätlose Planung. Natürlich gaffen die Leute. Einige machen sogar Bilder?!

Nächster Halt ist Murano. Die Insel in den Lagunen nordöstlich der Altstadt ist bekannt für ihre Glasfabriken, welche man dort natürlich auch besichtigen kann. Über die Insel verteilt stehen viele Präsenzstücke, die einen Eindruck davon vermitteln in welcher unglaublichen Vielfalt Glas hergestellt und veredelt werden kann. Demnach sind ein Großteil derIMG_7678
Geschäfte entlang der durch einen Kanal geteilten Hauptstraße der Insel dem Verkauf dieser Glaswaren gewidmet. Bevor ich mich spute das Boot zur nächsten Insel zu erwischen, mache ich noch einen kurzen Abstecher zur Basilika di Santa Maria e San Donato aus dem 12. Jahr-hundert. Die ehemalige Bischofs-kathedrale ist eine Augenweide, ins-besondere aufgrund der bunten Mosaike, die den Boden reich verzieren. Ein paar Nudeln später stehe ich am Rande des übervollen Bootes zur nächsten Insel.

IMG_7693Torcello ist eine grüne Oase. Vom Landungssteg aus läuft man an einem Kanal entlang bis zur Cathedrale Santa Maria Assunta. Ich überhole eine große Gruppe weiß gekleideter, aufgedonnerter Menschen, während mir der Geruch von Gräsern die Nase und Vogelgezwitscher die Ohren angenehm betäubt. Ein paar Meter an den von wenigen Einwohnern bewirt-schafteten Feldern vorbei gelangt man zu einem dreistöckigen, ziegelrot verputzen Haus. Neben der Eingangstür hängt ein wunderschöner Teppich sowie ein farbenfrohes Gemälde – aufIMG_7694 beiden Motive der Stadt verarbeitet.  Ein Freisitz lädt zum Eis essen ein, daneben eine große Wiese, eine Schaukel aus Autoreifen, ein paar Liegestühle, hier und da ein Boot auf dem Kopf und zwei kleine Ziegen in einem Holzhüttchen mit eigenem Spielplatz, fröhliche Gänseblümchen & frisch gepflanzte Bäumchen. Ich küre „-chen“ zum offiziellen Suffix der idyllischen Insel. Es folgt ein gemütlich eingerichtetes, jedoch übervolles Restaurant. Auch an dieser Stelle fühle ich mich als Frühaufsteher und somit IMG_7614auch Frühmittagesser vom Schicksal bevorzugt. Vorbei an einer geländerlosen Steinbrücke, die den Kanal rechter Hand überquert entdecke ich plötzlich die weiß gekleidete Reisegruppe, verteilt auf einem schicken großen Grundstück, welches durch ein rotes Band nicht eingeladenen Gästen den Zutritt verwehrt, wieder. Sie essen Canapes, tanzen oder stehen in kleinen Grüppchen unter einem Pavillion oder auf der Terrasse plaudernd herum. Als ich ein mit Blumen bestücktes, schickimicki Holzboot auf dem Kanal parken sehe, ergibt die Szenerie plötzlich Sinn: in Torcello feiert Venedig Hochzeiten.


IMG_7507…und im hohen Bogen schwinge ich mich von hier aus zurück zur Frage, ob Venedig nun tatsächlich so romantisch ist, wie alle sagen. Wenn „alle“ etwas sagen, müsste ich, würde ich mich an aktuelle gesellschaftliche Strömungen halten, die Frage aus Prinzip mit ’nein‘ beantworten. Tu ich aber nicht. Romantik gehört zu den Begriffen, die sich einer breiten Definitionspalette erfreuen. Doch so sehr sich auch die im heutigen Sprachgebrauch etablierte sentimentale Alltags-Kitsch-Romantik von den Ideen der epochalen Strömung auf den ersten Blick unterscheiden mag, haben sie doch einen wesentlichen Kern gemeinsam – das Streben nach nach Vollendung. Wer Venedig besucht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht umhin kommen Vollendung in der einen oder anderen Form näher gekommen zu sein. Ich für meinen Teil empfand Liebe auf den ersten Blick, hob das verwinkelte Wasserörtchen schon nach wenigen Flanierminuten in den Himmel, träumte davon wie es denn so wäre hier und da aus dem eigenen mit allerlei Blümchen und Ornamenten verzierten Fensterchen zu blicken, den Wocheneinkauf über den Canal Grande zu schippern und abends gemütlich mit Freunden seinen Cocktail am Lido zu schlürfen. Und doch, noch bevor man aufhört durch die eigene Fantasie zu hüpfen, ist einem klar, dass man hier nicht leben möchte bzw. nicht überleben würde. Romantischer, im klassischen Sinn, geht’s wohl kaum 🙂

 

 

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3 Gedanken zu „Nun auch noch ICH in Arkadien :4: Inselhopping & Auflösung der Preisfrage

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