Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil II)

Dass Schiller seine anfänglichen Neidgefühle gegenüber dem offensichtlich bevorteilten Goethe überwinden und sogar in tiefe Zuneigung umwandeln konnte, ist nicht dem Umstand zuzuschreiben, dass Goethe später ein hilf- und vor allem einflussreicher Befürworter und Motor seiner Arbeit wurde, nein, Schillers Liebe für diesen vortrefflichen Menschen resultierte aus der Erkenntnis, dass Goethe eben nicht so gepflanzt wurde, wie er dort stand, sondern ebenso wachsen musste. Zwar wurzelte er in nahrhafter Erde und blühte in den vielen Sonnenstunden, die das Leben ihm bereit stellte, doch musste auch er sich mit den entsprechenden Schattenseiten seines Daseins auseinandersetzen. Und so zeigte goethebuchsich, dass Goethes Genialität eben nicht an seinem Talent Worte zu schmieden festzumachen ist, sondern an seiner kraftvollen Art das Leben zu meistern. In seiner 2013 veröffent-lichten Biographie lässt Rüdiger Safranski den Leser nun wieder mit an Goethes Seite durch dessen bewegte Existenz pilgern und entschlüsselt auf fast 800 Seiten den Code für ein scheinbar vollumfänglich gelungenes Leben.

In diesem und dem nächsten Artikel sollen zwei Abschnitte beispielhaft näher betrachtet werden.

Trübe Gewässer (Zus. Kap. 9. Wege zum Werther. S.152ff)

Natürlich musste Goethe seine Lebensplanung nicht auf Broterwerb und berufliche Karriere reduzieren, das Schreiben ging ihm leicht von der Hand, sein Götz und sein Werther machten ihn über Nacht zum Kultautoren, auch erfreute er sich menschlich, vor allem bei den Frauen, größter Beliebtheit. Und doch legte sich ein gefährlicher Schatten über die noch junge Seele. Als Schiller mit seinen Räubern den ersten durchschlagenden Erfolg feierte, hatte er bereits das Gefühl tatsächlich etwas geleistet zu haben. Der harte Kampf aus der unbarmherzigen Realität seiner Herkunft hinauf zum Dasein eines Berufskünstlers, wie Schiller ihn durchlebte, kann der geistigen Entwicklung sogar förderlicher sein als eine Villa voller Bücher und Hauslehrer, wie sich zeigt, denn die Leichtigkeit mit welcher Goethe bis dato zum Erfolg schwebte, wurde ihm zum Problem. Er hatte sich nie Herausforderungen oder Widerständen des praktischen Lebens stellen müssen, denen er nicht gewachsen sein könnte und so fühlte er sich bis zur Besinnungslosigkeit unterfordert. Du fragst, ob du mir Bücher schicken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß mir sie vom Hals. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuret sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst1.werther

Im Werther verarbeitet Goethe dieses paralysierende und selbstzerstörer-ische Gefühl, welches viele Menschen ereilt, wenn sie realisieren, dass das Leben aus einer unaufhörlichen Wiederkehr, einem ewigen Kreis routinierter Abläufe besteht, der selbst vor der Liebe keinen Halt macht. Safranski arbeitet hier besonders eindrucksvoll heraus, dass die tatsächlichen Leiden des jungen Mannes weniger darin begründet liegen, dass er von Lotte zurückgewiesen wird, vielmehr bedroht ihn die Vorstellung, dass er aus dem brausenden, ewig bewegten Meer des Gefühls in einen lauen Tümpel gewöhnlicher Empfindungen gespült wird. Er ist verliebt ins verliebt sein, so ist es das Abstumpfen des Gefühls und die daraus resultierende Wiederkehr zur stumpfen Routine, die das Herz plagen, welches Besonderes und Einmaliges will und lieber aufhört zu schlagen als die gefühlte Last der Normalität ertragen zu müssen. Doch Goethe hätte seinem Ruf als Genius nie gerecht werden können, wäre er wie so viele vor und nach ihm darin ersoffen. Er verarbeitet im Werther die Problematik und schließt gleichzeitig damit ab. So sucht Goethe nicht weiter in trüben Innenwelten nach Erfüllung (im Wortsinn), sondern öffnet sich der Teilnahme und Teilhabe am öffentlichen Leben. Das wird später auch noch einmal im Faust sehr deutlich, als dieser sich entscheidet sein staubiges Studierzimmer zu verlassen um sich unter die Leute zu mischen, anstatt dem Verdruss seinen Sieg zu gönnen und sich ins ewige Aus zu manövrieren. In seiner Autobiographie nennt er das Taedium Vitae (Lebensekel) später eine Krankheit, eine Modeerscheinung unter jungen Intellektuellen, die übertriebene Forderungen an sich und das Leben stellen, Forderungen, die sie der Literatur entlehnen, nicht dem tätigen Leben. Das Problem liegt nicht in der Welt, sondern in der Person selbst, die nicht in der Lage ist einen angemessenen Zugang zum Leben zu finden. Goethe entscheidet sich bewusst das Leben zu bejahen und den dafür notwendigen Häutungsprozess in Form eines Orts- und Aufgabenwechsels anzukurbeln. Seiner Mutter schrieb er später rückblickend: Das Unverhältnis des engen und langsam bewegten bürgerlichen Kreises, zu der Weite und Geschwindigkeit meines Wesens hätte mich rasend gemacht. Bei der lebhaften Einbildung und Ahndung menschlicher Dinge, wäre ich doch immer unbekannt mit der Welt, und in einer ewigen Kindheit geblieben (…). „Innerlich reich, aber unbekannt mit der Welt“ schreibt Safranski „geriet er in die Gefahr des Eigendünkels“. Um das zu vermeiden geht er nach Weimar um sich im praktischen Leben nicht nur als Poet sondern auch als Weltmensch zu beweisen.

1Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ , 1774

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Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerwegten
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Fazit

2 Gedanken zu „Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil II)

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