Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil III)

Der Balanceakt
(Zus.Safranski. vorr. Kap. 17. Schwierigkeiten der Doppelexistenz/Entstehung Tasso. S.284ff)
„So jung hat er zu vieles schon erreicht, als daß genügsam er genießen könnte…“1

SafranskiGoetheGoethes Bedürfnis nach praktisch-wirksamer Tätigkeit wird über das nächste Jahrzehnt in Weimar mehr als gestillt. Der junge Herzog Karl August wird ihm schnell zum Freund und Weggefährten. Goethe nutzt die Wei-marer Jahre sich in neuen Materien auszutoben, das ‚Draußen‘ zu studieren. Das schnell gewonnene Vertrauen des Herzogs resultiert in unzähligen öffentlichen Ämtern, welche er dem Poeten nach und nach anvertraut. Goethes Beamtenlaufbahn, welcher er sich zeitweise mit großer Hingabe widmete, umfasste die Leitung des Militär- und Bauwesens bis hin zum Wegbau, er saß in der Finanzkommission und kümmerte sich bisweilen leidenschaftlich um die Restaurierung des Ilmenauer Bergbaus. Weiterhin wurde er zum Geheimen Legationsrat, Mitglied des Geheimen Consiliums (Berater-gremium des Herzogs), Direktor der Zeichenakademie und zur Aufsichtsperson der Universität Jena bestellt. 1782 hatte Goethe im Rahmen seiner Amtskarriere alles erreicht, was man als Bürgerlicher in Weimar erreichen kann, inzwischen geadelt und wohnhaft am Frauenplan. Einige seiner Zuständigkeitsbereiche (insb. Berg-& Ackerbau, Holzwirtschaft) forderten die Einarbeitung in naturwissenschaftliche Bereiche und so begann Goethe um 1780 sich intensiv mit Fragen aus den Bereichen der Geologie, Mineralogie, Botanik und Osteologie auseinanderzusetzen. Die Kommunikation mit den natürlichen Phänomenen war ihm eine willkommene Abwechslung zu den ihm immer lästiger werdenden Pflichten gegen die Sozietät. Ich habe eine solche Freude, daß sich mir alle Eingeweide bewegen, schrieb er Charlotte euphorisch, nachdem er den menschlichen Zwischenkieferknochen entdeckt hatte, doch die Freude und Zufriedenheit über den gesellschaftlichen und wissen-schaftlichen Entwicklungssprung nahm zunehmend an Intensität ab. Unbehagen begann sich auszubreiten, denn ein einst wesentlicher Faktor seines Lebens geriet während dieser Jahre zwangsläufig in den Hintergrund. War er einst nicht als Poet in Weimar angereist? Freunde und Bekannte stellten bereits im Frühjahr 1781 fest, dass Goethe zu einem recht steifen, kalten und scheinbar unzufriedenen Zeitgenossen mutierte. Obwohl er auch in diesen Jahren bemüht war die schriftstellerische Leidenschaft nicht ganz zum erliegen zu bringen, fühlte er doch die Ader vor dem Austrocknen. An Merck schreibt er: Mein Wesen treibe ich, wie du es dir allenfalls denken kannst, und schicke mich nach und nach immer besser in das beschwerliche meiner Ämter, schnalle mir die Rüstung nach dem Leibe zurecht, und schleife die Waffen auf meine eigene Weise. Meine übrigen Liebhabereien gehen nebenher (…). Dieser wiederum rät zur Flucht. Goethe jedoch war das Ausmaß seines Entwicklungssprungs, der Umfang an akquiriertem Wissen und tätiger Lebenserfahrung, die Weimar hinterlassen hat, durchaus bewusst.

Karl August & Goethe (Adolf Neumann. 1875)

Karl August & Goethe (Adolf Neumann. 1875)

Zu verdanken hatte er die Chance sich so umfänglich erweitern zu können dem bei seinem Eintreffen gerade mal 18jährigen Karl August, welcher sich auch um private Annehmlichkeiten wie das bezaubernde Gartenhaus samt Restaurierung und Möblierung kümmerte. Auch hatten die beiden, teilweise zum Verdruss der höfischen Gesellschaft, die wahren Genüsse des Lebens nicht vernachlässigt, strichen in Wäldern herum, tranken, feierten und sicherten den Marktwert beim weiblichen Geschlecht. So fühlte er sich schon allein aus Dankbarkeit seinem jungen Freund und Oberhaupt gegenüber ver-pflichtet seinen Aufgaben weiterhin vollumfänglich nachzukommen. So war er bemüht das Unbe-hagen, welches sich nach einigen Jahren im öffentlichen Amte langsam begann in ihm auszubreiten zunächst zu verdrängen. Seiner Mutter schreibt er: Merk und mehrere beurteilen meinen Zustand ganz falsch, sie sehen das nur was ich aufopfre, und nicht was ich gewinne, und sie können nicht begreifen, daß ich täglich reicher werde, indem ich täglich soviel hingebe. Das Bedürfnis dem Dichten und Denken wieder mehr Spielraum zu schaffen wuchs, angekurbelt sicherlich auch durch den Umstand, dass der ein oder andere Zeitgenosse ihn als Dichter bereits öffentlich abgeschrieben hatte. Zeitweise gelang es ihm sich geschickt etwas Zeit zu erschleichen und die verschiedenen Stränge des Lebens in einem verborgenen Knoten zu verknüpfen. Doch der Balanceakt die Doppelexistenz in Einklang zu bringen, sollte scheitern. Goethe will sich in dieser Welt einrichten, ohne ein Haar breit von dem Wesen nachzugeben was ihn innerlich erhält und glücklich macht, doch lässt der berufliche und gesellschaftliche Alltag nicht ausreichend Raum den poetisch-schöpferischen Geist anspruchsgerecht zu entfalten. Während dieser Zeit entstanden vorrangig Gedichte an Charlotte von Stein, Gelegenheitsproduktionen für Hoffeste und ein paar wenige Publikationen für Zeitschriften. Auch einige seiner späteren Erfolge fanden nicht ganz zufällig in dieser Periode ihren Ursprung, insbesondere sein Tasso, welcher später als das erste echte Künstler- und Dichterdrama in die Weltliteratur Einzug halten sollte.2 Die biographische Lesart des streng klassischen Schauspiels drängt

Torquato Tasso. ital. Dichter (1544 - 1595)

Torquato Tasso. ital. Dichter (1544 – 1595)

sich förmlich auf. Es offenbart die Rolle des Dichters in der höfischen Gesellschaft. Der Hof von Belriguardo dient als Projektions-fläche eigener Erfahrungen am Weimarer Hof. Auf die einzelnen Figuren werden die verschiedenen Kräfte verteilt, die auf Goethe in der Zeit einwirkten. Der innere Kampf der Seelenanteile repräsentiert sich in den beiden männlichen Protago-nisten: der geniale, melancholische als auch labile Dichter Tasso prallt auf den strukturierten, temperierten und geduldigen Weltmann Antonio. Dieser Aufprall erschüttert und beeinträchtigt das Umfeld der beiden. Die Damen des Hauses tun unter Berücksichtigung der eigenen Bedürfnisse ihr Bestes vermittelnd einzugreifen. Hinter der Figur der Leonore vermutet man Charlotte von Stein. Goethe erstellt über die Dialoge der Figuren unter- & übereinander eine Art Psychogramm der verschiedenen Persönlichkeiten und stellt einen Versuch vor diese extremen Pole einander näher zu bringen, indem er die Figuren mit der Fähigkeit ausstattet ein grundsätzliches Verständnis für das andere Naturell empfinden zu können. Dies allein reicht, um Akzeptanz zu schaffen, doch ein Miteinander, eine Verschmelzung kann nur gelingen, wenn beide von ihrem Wesen ein Stück abrücken würden. Die Versöhnung am Ende des Stückes gelingt konsequenterweise nicht.

Goethe selbst entscheidet sich schließlich im September 1786 die Ketten zu sprengen und bricht in einer Nacht- und Nebelaktion nach Italien auf. Seinen amtlichen Verpflichtungen wie auch den Freunden und der geliebten Charlotte von Stein kehrte er damit den Rücken und löste somit natürlich Verdruss und Ärger am Hof aus (abgesehen von denen, die nur warteten eine seiner Positionen übernehmen zu können). Hätte er es angekündigt, man hätte ihn wohl nicht gehen lassen. Doch Goethe nahm nicht mehr in Anspruch als sein Recht und seine Freiheit selbst entscheiden zu dürfen, was gut und wichtig für seine Entwicklung und Glückseligkeit ist und so enttäuscht man auch über den zeitweisen Verlust des Giganten für Weimar gewesen sein mag, dankte man ihm sein Wirken und unterstützte schließlich seinen Entschluss. Herzog Karl August zahlte gar am Ende den ganzen Spaß unter nur einer Bedingung: er möge bitte wiederkommen.

Er kam wieder. Als Dichter.

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1Goethe. Torquato Tasso.1790 2 Borchmeyer, 1994

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Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerwegten Teil 1 Teil 2 Teil 3 Fazit

2 Gedanken zu „Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil III)

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