Nun auch noch ICH in Arkadien :5: Pilgern in Bologna

11.5. 

Ausgesprochen gut gelaunt erreiche ich heute Bologna. Hier habe mir nun ein B&B direkt im historischen Zentrum neben der Basilika Domenico gegönnt. Ein junger Italiener, der problemlos in Plagwitz untertauchen könnte, führt mich in mein zwanzig Quadratmeter großes Zimmer, wo mich ein großes Bett mit Federdecke, ein Schreibtisch, ein TV-Gerät, florale Wandmalerei und Parkettboden erwartet. Im Vergleich zum 6-Bett Zimmer im venezianischen Hostel der pure Luxus für nur marginal mehr Moneten. Im Hostel lernt man gut Leute kennen,  jedoch ist diese Form der Unterbringung äußerst ungünstig für Menschen, die doch dazu neigen aufzuwachen, wenn jemand am Bett wackelt.

IMG_7764Nach erster Erkundungstour nehme ich im Café Maxim Platz und genieße für nen Zehner ein Menu aus Kaffee, Wasser, Salat und einem Pastagericht – bologneser Art versteht sich. Wenige Meter vor mir ragen Garisenda & Asinella in den Himmel – klingt nach Transvestiten, sind aber Türme, schiefe Türme auch noch, mittelalterliche Geschwister, die es immerhin in Dantes Göttliche Komödie geschafft haben und konsequenterweise zu den Wahrzeichen der Stadt zählen. Zur Familie gehören noch etwa 180 weitere Türme, die im 12. & 13. Jh. in und um die Stadt errichtet wurden. Doch damals wie heute rücken gradlinige Gestalten eher selten in den Mittelpunkt des Interesses. Asinella galt zudem mit seinen fast 100m als das höchste Gebäude Europas. Venedig wirkt sehr fern in diesem Moment und scheint nicht der einzige außergewöhnliche Ort auf diesem Stiefel Europas zu sein. Durch die historische Altstadt ziehen sich kilometerlange Arkaden, einige pompös mit bunten Deckenmalereien und aufwendig verzierten Säulen, andere simpel doch nicht weniger schön. Der Begriff „Tunnelblick“ erreicht hier ganz neue Dimensionen. Es ist Sonntag. In der Stadt scheint die Hölle los. Auf dem Plaza Maggiore tummeln sich hunderte bunt gekleidete Radfahrer und feiern, so sagt mir mein Bologna-Joker am Telefon, einen autofreien Tag. Auch werden überall Bühnen errichtet, Boxen installiert und Instrumente positioniert. Die Arkaden sind mit allerlei Geschäften gerahmt, in den fast ausschließlich ziegelroten oder terrakottafarbenen Gebäudeteilen darüber wohnen sicher die Menschen, denen die Fahrräder gehören.IMG_7741 Wenige Meter dahinter zieht der Eingang zur Chiesa di San Bartolomeo seine Aufmerksamkeit auf mich. Ich trete ein und werde förmlich über-mannt von dem zweiten „italienischen Moment“ meiner Reise – ein verzauberter Augenblick, wo ich eben nicht einfach nur wusste, wo ich bin, sondern es fühlen konnte. Italien. Ich strahlte. Erleuchtung? Wohl nicht…! Ich steh total auf barocken Prunk, hohe goldene Säulen, filigrane Ornamente, Skulpturen und wunderschöne Gemälde, die ich nicht im Ansatz verstehe – zu allem Überfluss probte gerade ein Kinderchor Bach. Ich fühle mich von aller Hektik und Sorgen befreit, denn ich fühle mich klein. Mit der Institution Kirche habe ich nichts am Hut, doch zeigt sich mir in ihren Häusern die glänzende Seite der Medaille unseres Daseins. Die Fähigkeit zu glauben, zu hoffen und zu lieben weckt die schöpferische Kraft und Fantasie des Menschen, welche sich hier in einer Vielfalt und Gewalt präsentiert, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Mir fehlt der Glaube – leider.

Zufrieden flaniere ich noch ein wenig durch die Gassen und stolpere an dem ebenfalls von hübschen Arkaden umrundeten Piazzetta di Servi di Maria direkt in die nächste Kirche. Diese nun gotischer Natur, wesentlich schlichter, von Spitzbögen durchzogen. Hier mache ich eine merkwürdige Bekanntschaft. Ein in einen schwarzen Umhang gehüllter, gebückter alter Mann, der weit mehr als achtzig Jahre zu zählen scheint, kreuzt meinen Weg. Er lächelt mich an und brummelt etwas für mich Unverständliches. Nahe des Ausgangs nimmt er noch einmal auf einer Bank vor einem Christuskreuz Platz. Ich umrunde das Schiff und bewege mich ebenso zur Tür. Hinter ihm bleibe ich kurz stehen, beobachte ihn –  ein kleines Männchen mit gefalteten Händen und kurzem, weißen Haar. Links vor ihm an der Säule hängt das Portrait eines Geistlichen. Ist er das? Ich sehe den Mann nur von hinten, das Portrait nur von vorn, doch beide Bilder passen irgendwie zusammen. Etwas durcheinander gehe ich hinaus. Ein altes, fast vergessenes Gefühl früher Kindheit überkommt mich – irgendwas stimmt hier nicht.

12.5. 

Kurz nach acht bin ich bereits unterwegs. Der Tagesplan verlangt mir Turnschuhe ab. Zunächst besuche ich zwei weitere Kirchen. Die Chiesa San Domenico gleich neben meiner Residenz, danach Santo Stefano, ein ganzer Kirchenkomplex (auch als „7 Kirchen“ bekannt) mit anhängendem Kloster, welches bis heute in Betrieb ist. Die Geschichte dieses Bauwerks geht bin ins 8. Jahrhundert zurück – wenn ich sowas lese, stelle ich mir immer vor das Gemäuer hätte Augen und ich phantasiere mir den Wandel und der Zeiten und Menschen durch diese Augen herbei. Das passiert mir selbst manchmal bei Bäumen ?! Dann mache ich mich auf, den mir empfohlenen Pilgerweg weit hinauf zum Heiligtum San Luca zu bewältigen. Der Aufstieg beginnt an der Porta Saragozza, einem der vielen mittelalterlichen Tore, die den Zutritt zur Innenstadt umrunden. Der mit 4 km längste Arkadengang führt direkt hinauf auf den teilweise bewaldeten Guardiahügel. Schon nach der Hälfte bin ich völlig im Eimer. Die Rentner vor und hinter mir wirken wesentlich gelassener. Das hyperaktive Studentenvolk im WorkOUTOUTfit und die Irren auf den Fahrrädern machen mich aggressiv. Schweißgebadet setze ich einen Fuß vor den anderen, wann immer ich den Kopf hebe, sehe ich vielleicht zwei oder dreihundert Meter weit nur Bögen. Ich laufe bis zur nächsten IMG_7808Kurve am Horizont, dort angekommen, blicke ich wieder auf – die nächsten zweihundert Meter, nun noch steiler, dafür mit Treppen. Das ganze wiederholt sich ein paar Mal, die kleine Wasserflasche ist leer und man möchte sich den Berg hinabstürzen. Am Leben hält mich der Gedanke an die versprochene wundervolle Aussicht über die grüne Poebene, die ich sicher von einem gemütlichen Stuhl mit einem Kaffee und einer Zigarette in der Hand genießen werde. Schon während ich so von dieser Oase träume plagen mich Zweifel, die sich bei Ankunft bewahrheiten – keine Tourigastro. Nunja, so gern ich etwas getrunken hätte, finde ich es aber doch eigentlich gut, das man diesen Ort nicht zweckentfremdet um Geld zu verdienen. Ich habe grundsätzlich in Bologna nirgends Eintritt zahlen müssen. Wer die Schönheit eines Bauwerks und dessen reichhaltiges Interieur schätzt, lässt ganz freiwillig ein paar Münzen in den Korb fallen. Ich setze mich ein Weile auf die hohe Steinmauer, bestaune den massiven Klosterbau und genieße in Vorfreude auf die kommenden Tage den ersten Blick ins Grün. IMG_7840Rückblickend schien mir Bologna ein sehr lebenswerter und lebenspraktischer Ort in Italien. Zentral gelegen hat man es nicht sehr weit in die Toskana, nach Florenz und ist auch in kaum zwei Stunden am Meer. Die sehr historische Stadt ist aufgrund seiner zahlreichen Studenten sehr lebendig. Es gibt viel zu entdecken und doch wird man nicht von Touristen überrollt. Ich fühlte mich dort schnell heimisch und gut aufgehoben.

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