Nun auch noch ICH in Arkadien :7: Grün, ja, grün sind alle meine Täler!

14./15.5. Toskana/Cortona

Raus, raus, raus aus der Stadt! Der Koffer endlich, wo er hingehört – im Kofferraum! Musik, The Suburbs, Tradition ist Tradition! Die Eindrücke der letzten Tage haben mich zwar erfüllt, aber in gewisser Weise auch überfüllt. Nach soviel Mensch und Menschgemachtem sehne ich mich nun nach der Weite und Fülle der Natur. Die Autobahn 1 führt mich zunächst raus aus Bologna, vorbei an Florenz und rein ins Gebirge. Alle paar hundert Meter durchquere ich einen in den Fels gezimmerten Tunnel. Manche von denen sind viele Kilometer lang, so dass man sich beim Herausfahren oft in einer anderen Welt findet als beim Hineinfahren.
Und wenn man nicht gerade im Tunnel steckt und auf Licht wartet, dann schwebt man auf einer der zahlreichen Brücken, die dort ganze Landstriche zu verbinden scheinen, über dem Abgrund. Weit unten in der Tiefe bahnen sich wilde  Flussläufe ihren Weg um die Gebirgsbrocken. Ich fahre weiter durch die berühmte Chianti-Region, hinunter in die Täler, vorbei an Mohn- und Sonnenblumenfeldern, um mich schließlich wieder abenteuerlich hinauf auf einen Hügel bis nach Cortona zu schlängeln.

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Casa Betania

In dem mittelalterlichen Örtchen angekommen, finde ich meine Unterkunft am Hang gelegen. Durch eine große Toreinfahrt führt mich ein von Pinien gerahmter Natursteinweg den Hügel hinunter zum Eingang der bis hierhin recht prunkig wirkenden Bleibe. Von außen erinnert mich das villenartige, pastellne Gebäude an Hesses Casa Camuzzi im schweizerischen Tessin. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Komplex jedoch um ein ehemaliges Kloster. Dementsprechend ist mein Zimmerchen an Einfachheit kaum zu übertreffen. Darauf war ich wiederum vorbereitet, da die Bewertungen im Netz die Richtung bereits erahnen ließen: „Zimmer scheiße, aber geile Aussicht“ war so der allgemeine Konsens meiner Vorgänger. Ich flüchte also hinaus auf die riesige Terrasse des Anwesens und war blitzartig in meinem Urlaub vom Kultururlaub angekommen. Ich blicke so weit, dass ich schreien könnte. Vor meinen Augen ergießen sich den Hang hinab leuchtende Olivenhaine und  Weinreben bis weit hinunter in die kunterbunten Felder des Chiana-Tals hinein. Am Horizont rundet der Lago Trasimeno, seines Zeichens größter See der Apenninhalbinsel, im schönsten Türkisblau das Panorama ab. Ich schnappe Buch, Stuhl und Kaffee, lasse mich nieder, atme durch und bin etwa eine halbe Stunde lang sicher nie wieder aufzustehen.

©Patrick Dencker - Flickr https://www.flickr.com/photos/pdenker/

©Patrick Dencker – Flickr
https://www.flickr.com/photos/pdenker/

Ich schlendere los, um die Ortschaft zu erkunden. Zunächst sehe ich den Hang hinab eine Etage tiefer einen großen Busparkplatz. Der dazugehörige Menschenschwarm steht dann wenige Meter später auf einer Art Aussichtsplattform, so mit Bänken, Fernrohr und überteurem Restaurant. Die eine Hälfte der Menschen steht lächelnd an der Mauer vor dem toskanischen Panorama, die andere Hälfte steht gegenüber und knipst. Dann wird getauscht. Mit viel Glück hat man noch 10 Minuten Zeit einmal durch die Hauptgasse des Ortes zu düsen, vielleicht ein Souvenir zu kaufen und schon geht die Bergdorfrundreise weiter. Cortona ist ganz offensichtlich auf diesen Durchreisetourismus getrimmt, der sich dadurch kennzeichnet, dass die Touris weniger dauerhaft als paketweise abgeladen werden. Vor 10Uhr morgens und nach 6Uhr abends sind die Gassen zu meiner großen Freude also wie leergefegt. Nur ein paar Originale schließen noch die Läden ab oder sitzen auf Plastikstühlen vor einem Weinchen und gestikulieren als wäre was los. Die nächsten vier Tage wird man tatsächlich ab und an eine merkwürdige Fremde wiederholt am hiesigen W-Lan Café erspähen können…

Aber abgesehen von der Hauptattraktion „Aussicht“, lohnt ein Ausflug nach Cortona auch aus anderen Gründen. Die Ortschaft geht auf die Etrusker zurück und war lange Zeit das geistige und kulturelle Zentrum Umbriens. Im etruskischen Museum der Stadt finden regelmäßige Ausstellungen statt, welche helfen die lange Geschichte des Ortes nachzuempfinden. Auch die heutige Atmosphäre dort ist märchenhaft. Die Minigassen, die zu den einzelnen Etagen der Stadt führen, sind mir Blumenkörbchen geschmückt, Katzen liegen in der Sonne und überall sitzt man mit Wein & Käse und lässt das Leben baumeln. Man findet viele kleine liebevoll geführte Geschäfte, historische Möbel, alte Bücher, Galerien und natürlich Verkostungen lokaler Spezialitäten. Rathaus und Kathedrale der Stadt sind ebenso einen kurzen Abstecher wert.

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Es ist Sonntag. Gegen sieben werde ich von strahlend blauem Himmel geweckt. Ein Blick aus dem Fenster verleitet mich dazu panisch aufzuspringen und zur Terrasse zu laufen. Ich werd wahnsinnig! Wie Gott stehe ich dort oben und blicke hinunter auf das in Nebelschwaden gehüllte Land. Caspar David Friedrich hätte bei dem Anblick sofort den Pinsel geschwungen. Ein Chinesin mittleren Alters nimmt diesen Gedanken auf, baut hastig ihre Staffelei neben mir auf und beginnt in Ölfarbe zu malen, was ich die nächsten zwei Stunden versuche in Worte zu fassen. Scheitern werden wir beide.

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