Nun auch noch ICH in Arkadien :9: Leben im Kloster?

18.5.

IMG_8201Um die Mittagszeit erreiche ich Chiusure, einen kleinen Ort etwa dreißig Kilometer von Siena entfernt. Die örtliche Bushaltestelle gewinnt mir ein Schmunzeln ab. Ich parke direkt daneben und nehme Kurs auf das wahrscheinlich einzige Restaurant im Dorf, denn von hier aus kann ich einen wunderbaren Blick auf das eigentliche Ziel des heutigen Tages werfen – die Abbazia di Monte Oliveto Maggiore – ein mittelalterlicher Klosterkomplex inmitten der gekämmten Berge. Ich mache es mir auf dem Freisitz (Westdeutsch: draußen) gemütlich. Ich bin der einzige Gast. Drei alte Damen sitzen wie spähende Vögel auf einem Balkon und ein wohlgenährter, älterer Herr beobachtet mich durchs Fenster. Kurz frage ich mich, ob überhaupt geöffnet sei, gehe um dies zu überprüfen auf den Eingang zu als mir eine schlanke Frau mittleren Alters mit ausgeprägtem Damenbart entgegen kommt. Ich spreche sie auf Englisch an, sie antwortet auf Italienisch und wir einigen uns schließlich auf Deutsch, denn die Dame hatte mit ihrer Familie viele Jahre in Stuttgart gelebt. Ich frage, ob sie mir nicht eine Portion Spaghetti Carbonara zaubern könne. Sie winkt wild gestikulierend ab, entgegnet in einer hübschen Mischung aus italienischem Akzent und schwäbischem Dialekt „kann dir Carbonara machen, kannste aber auch zu Hause essen. Setz dich hin, ich koch was Toskanisches!“. Die autoritäre Art gefällt mir, so nehme ich lächelnd Platz und warte ungeduldig auf mein Essen, welches mir der füllige Mann nach wenigen Minuten serviert. Selbstgemachte Nudeln al dente, mit einer knoblauch-, tomaten- und zwiebelreichen Soße. Ich nehme einIMG_8205 Stück Weißbrot dazu und beginne zu essen als sie plötzlich wieder hinter mir steht „Nix Brot! Erst die Pasta, dann das Brot!“ Geistesgegenwärtig lasse ich das Stück Brot zurück in den Korb fallen als hätte es mich gerade gebissen. Sie hat mich im Griff. Das amüsiert mich. Es schmeckt durchaus vorzüglich, obschon ich wie immer nur die Hälfte schaffe. Aus Angst vor ihrer Reaktion auf den nur halb abgegessenen Teller überlege ich kurz einfach das Geld auf den Tisch zu legen und zu rennen als gäbe es keinen Morgen mehr. Doch da steht sie schon wieder neben mir. Wir plaudern noch eine Weile. Sie erzählt stolz von ihrem Sohn in Amerika und ihrer Entscheidung Deutschland zu verlassen, um den Lebensabend in Ruhe ausklingen zu lassen.

IMG_8210Zufrieden steige ich ins Auto und fahre nun zur Abtei. Vom Parkplatz aus laufe ich eine von Säulenzypressen gerahmte Straße hinunter, bis ich eine kleine Ziehbrücke mit dicken Eisenketten erreiche, über welche man das Areal betritt. Ich zweifle schon beim Betreten der Anlage an meinen Sinnen, denn ich nehme für einen kurzen Moment den Geruch von Bratwurst wahr. Ich traue den Thüringern nicht. Ich passiere ein kleines Restaurant, kein Grill. Ich bin erleichtert und laufe weiter durch die großzügige Parkanlage vorbei an einer großen Zisterne weiter zu dem roten Backsteingebäude, welches man nur zu Teilen zu sehen bekommt, denn die Abtei dient den in weiße Ordenstrachten gekleideten Olivetanern (Benediktinerorden) nach wie vor als Heimat. ‚Hier wohnen also Menschen!‘ denke ich, während ich so durch die Bäume hinunter zum Tal blicke. Ich betrete denIMG_8215 zugänglichen Teil des Klosters, bewundere für meine Verhältnisse sehr ausdauernd die außerge-wöhnlichen Fresken des Mailänder Künstlers Sodoma verteilt auf 27 Tafeln entlang des Kreuzgangs, biege ab und gelange zum Speisesaal, der zwar abgesperrt ist, aber von der Tür aus in vollem Umfang bewundert werden kann. Einer der Mönche räumt gerade Teller von den Tischen, deren massive Holzplatten auf steinernen Füßen angebracht sicheren Halt finden. Die Tische reihen sich entlang der reich verzierten Wände des hohen, breiten Saales. „Hier essen!“. Ich gehe weiter eine kleine Wendeltreppe aus Marmor hinauf und gelangte in die Bibliothek, die über zahlreiche seltene Handschriften, Inkunabeln und eine Version der Göttlichen Komödie verfügt.  „Hier lesen!“. Doch die Regale sind wie mir scheint ebenso verschlossen wie mein Zugang in diese Welt. „Hier leben?“

IMG_8242 IMG_8245 IMG_8229
IMG_8217

Diese Oasen des Friedens üben eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus und nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob es zu spät ist neu geboren zu werden. Wie sieht es aus, dieses Leben fernab der weltlichen Wirrungen? Eingeschränkt, streng reglementiert und unfrei wirkt es natürlich auf den ersten Blick. Aber was bedeutet uns denn Freiheit? Können wir überhaupt frei sein und wenn ja, in welchem Grade? Mit der Antwort auf diese Fragen lassen sich sicher ganze Bibliotheken füllen, genau genommen weniger mit Antworten als mit der Eindämmung des Begriffs an sich und deshalb ist gerade die Freiheit letztlich doch ein Gut, wonach viele streben ohne auch nur ansatzweise zu wissen, worauf sie sich da eigentlich einlassen. Warum zieht es so viele Menschen heute aufs Land, ins Kloster, in die Vergangenheit? Entschleunigung? Nicht allein. Fehlende Struktur. Grenzen. Richtlinien. Geborgenheit. Nur mit dem Unterschied, dass man sich eben FREI dafür entscheidet.

Rum wie num, der Ausflug ist in vielerlei Hinsicht zu empfehlen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s