Nun auch noch ICH in Arkadien :10: Leben im Spiel – Neapel

19.5./20.5.

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Blick auf Neapel und den Vesuv im Hintergrund

Bereits kurz vor sieben sitze ich im Auto und fahre zurück nach Bologna, um von dort aus den Schnellzug nach Neapel zu nehmen. Der italienische ICE ist sehr komfortabel, man hat viel Beinfreiheit, einen großen Tisch und eine Steckdose in der zweiten Klasse. Über einen Bildschirm kann man die Fahrt aus Perspektive der Zugführer verfolgen. Die angezeig-ten 280km/h ignoriere ich gekonnt. Südlich von Rom erblicke ich in der Ferne erstaunlicherweise schneebedeckte Gipfel. In näherer Umgebung ist es flach bis hüglig und weitgehend unspektakulär. Irgendwann taucht in Nebelschwaden gehüllt der Vesuv auf. Es ist bewölkt heute und da ich das Studium der Vulkanologie bisher recht stiefmütterlich behandelt habe, kann ich nicht genau sagen, ob die über und neben dem Krater wallenden Formationen nun vulkanische Ausdünste oder einfach nur Schlechtwetterwolken sind. Ein feiner Anblick ist es allemal. Nach dreieinhalb Stunden, um 15:55, steige ich mit Sack und Pack am modern und sauber gehaltenen Hauptbahnhof aus und kämpfe mich durch die belebten Straßen Richtung Unterkunft. Schnell wird klar, dass der Tod in Neapel mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer Vespa gefahren kommt. Mein Weg führt mich durch schmale Gassen, die sich Fußgänger, Kinder, Mopeds und zerbeulte Kleinstwägen nach dem evolutionären Prinzip ‚der Stärkere gewinnt‘ teilen. Mehrfach bin ich gezwungen mit meinem Koffer in Hofeingänge springen, um mein Überleben zu sichern, denn hier wird grundsätzlich nicht gebremst, sondern gehupt, was soviel heißt wie ‚Aaaachtung! Ich komme gleich wehenden Haares mit fünfzig Sachen um die Ecke gepfiffen, obwohl ich noch nicht weiß, ob die Karre überhaupt durch passt‘. Je weiter man in den Süden vordringt, desto offensichtlicher wandeln sich Gesetze in kurvige Richtlinien. Während man im Norden Italiens noch Helme trug, findet man hier dreiköpfige Familien ohne Helm, dafür mit Hund, auf dem kleinen, zweirädrigen Gefährt. Während das europäische Nichtrauchergesetz im Norden Italiens Fuß und Kneipen gefasst hat, raucht man hier wo man geht und steht. Wie viele Spuren eine Straße hat, entscheiden die, die sich im Moment darauf befinden.

Vorfahrt Romantik

Vorfahrt Romantik

Koordiniert wird das Ganze mit Hilfe einer Kombination aus ausge-klügelten Morse-Hup-Codes, einem festen Set gängiger Flüche und der Anwendung fundierter Tetriskennt-nisse. Wenn man auf die Idee kommt bei dunkelgelb an einer Ampel zu stoppen, verursacht man Chaos im Chaos. Ich sehe hier selten kratzer- und beulenfreie Autos. Das alles ist mir sehr sympathisch und es scheint trotz anarchistischer Tendenzen gut zu funktionieren. Natürlich sieht man insbesondere im Areal um den Bahnhof und in der historischen Altstadt, die Probleme, mit welchen die Stadt zu kämpfen hat. Hier ist viel Müll, mein Gott ist hier viel Müll. Es ist laut, überall schlagen sich Leute mit dem Verkauf kellergefertigter Waren oder dem klassischen Hut vor den Füßen durch ein hartes, von Arbeitslosigkeit und mafiösen Strukturen geprägtes Leben. Kein iphone weit und breit. Die Menschen sehen also noch, wo sie hinlaufen. Der Vesuv wirft seinen Schatten über viele herunter-gekommene Teile der Stadt und doch fühle ich mich hier aus verschieden Gründen wesentlich wohler als auf der Flaniermeile am Golf, so phänomenal die Aussicht auf die Stadt von dort aus auch ist. Denn hier in den tausend Gassen leben die Menschen miteinander, nicht nebeneinander. Hier wird sich noch unterhalten und gelacht. In jedem Winkel sitzen die Leute zusammen, rauchen, reden, spielen Brettspiele. Die Vespas halten mitten auf der Straße und ihre Besitzer wechseln ein paar Worte mit Bekannten im spärlich eingerichteten Friseursalon. Jeder kennt jeden, so scheint es. Überall hört man Kinder lachen und Fußball spielen. Kickertische stehen in der Sonne, Wäsche wedelt, Hunde bellen. Am Piazza Bellini, nahe der Universität und Kunstakademie, sitzen die Studenten mit Bierchen in der Hand auf allem, was einen Hintern hält. Die Altstadt Neapels, das centro storico, gehört nicht umsonst zum UNESCO Weltkulturerbe. Geheimnisvolle Katakomben und Höhlen locken die Besucher besonders in der Hitze des Sommers in den schattigen, unterirdischen Teil der geschichtsträchtigen Stadt. Hinter den grauen, verfallenen Häuserfassaden lauern oft sehr hübsche, begrünte Hinterhöfe. Vom Balkon meines IMG_8299Zimmers sehe ich später, dass ganze Flachdächer als Terrasse wundervoll hergerichtet wurden, man also von außen kaum ahnen kann, welch Schönheit hinter so manch verfallener Fassade im häuslichen Inneren stecken kann. Mein B&B ist in einer dunklen Gasse im obersten Stockwerk versteckt. Ein kleine, liebe-voll und historisch eingerichtete Woh-nung. Die Gastgeber sprechen nur Italienisch. Wir kommunizieren über den Google-Translator auf dem Telefon und mit Hilfe unserer Gliedmaßen. Lustig. An Schlaf war jedoch leider nicht zu denken,  da die Fenster als Geräuschdämmer unbrauchbar waren und ich volle Kante den Straßenlärm auf meiner Seite hatte. Als es nachts dann draußen ruhiger wurde, konnte ich wiederum nicht schlafen, da die Wände so unglaublich dünn sind, dass ich das Schnarchen aus dem Nachbarzimmer mitsingen konnte.

Am nächsten Morgen laufe ich nur etwas unkoordiniert durch die Altstadt, vorbei am Dom zum Hafen, wo sich erstmalig so ein überdimensionales Kreuzfahrthotel direkt vor meiner Nase auftürmt. Sieht aus wie eine Plattenbausiedlung auf Wasser. Da würden mich ja keine zehn Pferde drauf kriegen. Es sei denn natürlich, jemand lädt mich ein, aber ich hätte keinen Spaß, wirklich! Die Leute, die aus dem Schiff in die eigens für Schiffspassagiere errichtete Souvenirmeile am Hafen pilgern, sehen wohl nicht viel von der Stadt und überhaupt wirken sie als würden sie das Gesehenwerden bevorzugen. Ich verlaufe mich rückzu wie immer, stoße aber dadurch gleich auf mehrere alte Kirchen und charmante Plätze, welche angeraten werden zu besuchen und glücklicherweise auch genau die, die keine Busrundfahrt abdecken kann, da Busse erfahrungsgemäß nicht durch schmale Gänge passen. Man glaubt wirklich nicht wieviele Kirchen hier an den unmöglichsten Orten verteilt sind. Überall schau ich mal kurz rein. Nirgens ist es leer, besonders die alten Leutchen kauern vorm Kreuz. Ich besuche die berühmte Kapelle Sansevero, die gleichermaßen als Museum für beeindruckende Mamorskulpturen dient. Highlight ist der Christus Velato („verschleierter Christus“) – eine lebensgroße Statue aus feinstem Marmor, die von einem aus selbigen Material gefertigten, transparenten Tuch verschleiert wird. Ihr solltet das Tuch sehen!

© www.portanapoli.de Via San Gregoiro Armeno

© http://www.portanapoli.de
Via San Gregoiro Armeno

Und was gab es hier zu kosten. Überall Stände, die frittiertes Gemüse, Reis- und Nudelbällchen sowie himmlischen Süßkram für wenig Geld ans Laufpublikum verteilen. Gebäck und Süßkram übertreffen all meine Vorstellungen. Ich bin nicht gerade eine Shopping- Queen und werde oft sehr unge-duldig, wenn ich mit Leuten unter-wegs bin, die stundenlang einfach „kramen“.
Gehe ich in die Stadt, dann in sehr männlich-pragmatischer Manier (ist das politisch korrekt?). Aber hier, fernab von H&M und Zara, meine Güte, was man nicht alles entdeckt in den vielen kleinen Lädchen. Antike Möbel stehen auf der Straße, man verkauft Fotos von Künstlern und Sportlern, die Zukunft wird vorausgesagt und zahllose alte Bücher stapeln sich in den Antiquariaten. Kunsthandwerker und Maler treiben überall ihr Unwesen. Am beeindruckendsten jedoch ist die Grippenstraße (Via San Gregorio Armeno) mit ihren handgefertigten Figuren, die das neapolitanische Volk zeigen (Pizzabäcker, Fischverkäufer, Metzger, Bäcker & heilige Figuren) – das ist wirklich absolut einzigartig und atemberaubend. Ein MUSS.

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Den üblichen Souvenirkram findet man dann dort, wo die Straßen sauber, die Strände weißer und die Aussicht schöner ist. Ich möchte die besser betuchten Areale Neapels keinesfalls diskreditieren. Natürlich genoss ich auch den Ausflug in die exklusiven Teile der Stadt. Posillipo z.B. ist spektakulär – auf einem mit traumhaften Villen und Pinien gespickten Hügel gelegen, eröffnet Posillipo seinen oft prominenten Gästen eine eine Aussicht auf die Stadt, den Vesuv und das Meer, die den Betrachter regelrecht zwingt Gedichte zu schreiben. Doch mich ärgerte die Art und Weise wie der Audioguide im Bus (bzw. jener, der die Texte verbrochen hat) naturgemäß die Stadt im Ganzen zwar durchgängig lobpreiste, jedoch genau das, was das reale Leben der Menschen in der Stadt offenlegte, durch übertrieben pathetische Schönmalerei zu rechtfertigen gedachte. Wann immer wir an renovierungsfernen Häuserfassaden vorbeifuhren, sagte die Stimme im Ohr sowas wie „Der Neapolitaner findet seine Ordnung im Chaos, kämpft um den Platz weit über festgefahrenen Konventionen und lebt die Sonne“ oder mein Favorit in Bezug auf die allgegenwärtigen Wäscheleinen „…für den Neapolitaner die Fahnen der Freiheit!“ What? Völlig überflüssig. Die saubersten und schicksten Städte dieser Welt sind sicher nicht die, wo Menschen tatsächlich leben. „Leben“!

© www.panoramio.com Neapel/Posillipo

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Neapel/Posillipo

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