Über den Tod :2: Verpassen, Vergessen, Verlieren

Verpassen
Wie steht es um die Befürchtung etwas zu verpassen? Mich persönlich zieht es immer eher in die Vergangenheit als in die Zukunft. Ich besuche lieber historische als futuristische Orte. Am liebsten flüchte ich nach Weimar, weil man dort stets bemüht ist, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass der alte Goethe jeden Moment um die Ecke biegen könnte. Ich gebe mich dem gern hin und muss mich bei jedem Spaziergang durch Gässchen und den schönen Ilmpark unwillkürlich fragen, ob er sich beim Anblick der modernen Zustände im Grabe drehen würde oder ob er keine Zeit verlieren würde einen Instagramaccount einzurichten, um seine Gedanken und Fundstücke zu teilen. Ich glaube die Antwort zu kennen. Und dann frage ich mich doch auch wie es wohl sein wird in 200 oder gar 2000 Jahren. Wird es der Wissenschaft gelingen, den Tod zu überlisten?  Wird die Erde nur ein Ort von vielen sein – eine Haltestelle im Universum? Oder werden wir auf einem ausgebeuteten und verbrannten Stück Erde auf allen Vieren von vorn anfangen müssen? Will ich es wissen? An der Oberfläche verfalle ich dem (vielleicht für alternde Leute seit vielen Generationen gängigem) Gefühl, dass der Mensch die Spitze des evolutionären Eisbergs bereits überwunden hat und seither Schritt für Schritt seine Errungenschaften für sich denken und handeln lässt. Eine Art Matrix-Szenario also. Ich glaube grundsätzlich, dass wir uns nicht wirklich schneller oder weiterentwickeln als jede andere Spezies auf diesem Planeten auch. Es freut sich nur einfach niemand so schön über sich selbst wie der Mensch, der sich gern reden hört, einfach, weil er’s kann. Zwar gesellt sich die Einbildungskraft hilfreicherweise den degenerierten Instinkten hinzu, aber das ändert nichts an dem Umstand, dass auch er enden muss. Eine alternative und etwas hellere Sichtweise bieten zyklische Ansätze, die (wie ich lese) als überholt gelten, mir persönlich jedoch auf den ersten Blick durchaus zusagen, da sie den ewigen Kreislauf bestätigen, den ich wahrzunehmen glaube. In diesem Szenario würde der Mensch alle paar Jahrtausende oder Jahrmillionen das Recall Kärtchen in der Hand halten, um seinen naturgegebenen Prozess erneut zu durchlaufen. Erde sucht den evolutionären Superstar, könnte man sagen nur, dass keiner weiß, in welcher Staffel wir sind und der vermeintliche Sieger immer dieselben Lyrics lallt. Wie auch immer, in beiden Fällen wäre die Angst etwas zu verpassen vergebene Lebensmüh.[1]

Vergessen
Wie steht es um die Befürchtung vergessen zu werden?Das spielt für viele ganz offensichtlich eine Rolle, wenn man bedenkt wie viele Menschen darauf hinarbeiten etwas zu hinterlassen: bedeutende Errungenschaften auf gesellschaftlicher, politischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Ebene, Gene in Form von Nachwuchs oder wenigstens einen schlechten Ruf. Es soll doch schließlich nicht ganz unwichtig sein, dass man gelebt hat, oder? Fühlt sich nicht jeder Einzelne als eine besondere Kreation der Natur, derer man sich erinnern sollte? Ein Shakespeare? Ein Sokrates? Ein Gott? Ein guter Mensch sogar? Wie oft hängen sich Menschen auf, weil sie Augen und Urteil ihrer Zuschauer fürchten und sie gehen recht in der Annahme, dass sie auf diesem Wege jeder Ächtung entkommen. Und wie viele Menschen beten, dass ihr Schaffen, ihr Lebenswerk von Bedeutung bleiben wird, wenn der Körper einmal schimmelt. Den Applaus werden auch sie nicht mehr hören können. Also lassen wir doch die Eitelkeiten gern das Leben in ein Wellenbad verwandeln, sie werden sich nicht mehr einmischen können, wenn wir das Zeitliche segnen.Shakespeare, dessen Worte sich seit 400 Jahren in unsere Herzen weben, bringt es in einem bekannten Sonett auf den Punkt:

„(…)So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.“

Solange der Mensch noch atmen und diese wundervollen Worte entziffern kann, überleben seine Zeilen, seine Figuren und sein Name – aber eben auch nicht länger. Jeden Tag arbeiten tausende Wissenschaftler über den Erdball verteilt an Möglichkeiten unser Erbe zu erhalten, doch ihnen ist auch bewusst, dass sie nur an lebensverlängernden nicht aber an lebenserhaltenden Maßnahmen werkeln können. Die Erde existiert nach unserer Rechnung 4,6 Milliarden Jahre, der Mensch seit etwa 200.000 Jahren (zumindest in dieser Runde), unsere antiken Helden starben gerade vor zwei/dreitausend Jahren. Die Weltzeit, Hegel nannte sie die Furie des Verschwindens, ist eine leidenschaftliche Befürworterin der Gleichstellung und wird all unsere Dumm- und Weisheiten letztendlich schlucken, egal ob wir Goethe oder Kühn heißen. Niemand ist bedeutend genug, nicht vergessen zu werden. Doch diese Erkenntnis, so sehr sie vielerorts Träume vom Überleben in Kunst oder Blutfluss niederschmettert, hat gleichzeitig aber auch die Kraft massiv auf unser diesseitiges Leben einzuwirken. Sie schenkt uns ein wenig mehr Freiheit, indem sie uns lehrt, dem Leben eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich innerhalb seiner Grenzen verwirklichen lässt, anstatt sich dem Druck zu unterwerfen Spuren hinterlassen zu müssen? Etwas Sinnvolles hinterlassen zu wollen ist sicher edel, sich selbst damit hinterlassen zu wollen, ist Utopie.

Verlieren
Eine Freundin räumte kürzlich ein, dass auch in ihrem Leben kaum ein Tag ohne das Schaudern vor dem Ende vergeht. „Ich habe Angst, das hier Alles nicht mehr zu haben“, sagte sie, während ihre Hände, Arme und Augen im Moment, da sie es aussprach, unwillkürlich versuchten die Umgebung einzufangen und festzuhalten. Wir wollen in dem Haus wohnen bleiben, das wir gebaut haben. Wir wollen nicht loslassen müssen, was wir im Laufe einer Existenz, um welche wir nicht gebeten haben, in Fantasie und Realität geschaffen haben und unsere Welt nennen. Eine Welt, wie man sie nur durch die eigenen Augen sehen kann. Man will es nicht weggeben, dieses Leben, es soll, wenn dann, entrissen werden. Deshalb wünschen wir uns oft, schnell und ohne Vorwarnung zu sterben. Natürlich möchte auch niemand hilflos nach langer Krankheit unter höllischen Schmerzen dahinsieden, aber der Schmerz ist zeitlebens unser Feind, auch wenn wir nicht daran zugrunde gehen. Unter solchen Bedingungen ist der Tod meist auch eine Befreiung für den Betroffenen. Es scheint mir eine psychische Erfahrung zu sein, die wir tatsächlich zu meiden versuchen. Eine Erkenntnis, die schmerzlicher ist als eine kollabierende Lunge und uns über einen Großteil unserer Lebensspanne viel Verdrängungsenergie kostet. Es ist kein Geheimnis, dass wir uns häufig selbst belügen, immer bemüht sind unsere Persönlichkeit in ein warmes Licht zu rücken, um mit uns selbst leben zu können. Mancher hat da recht viel zu tun, andere weniger. Tief drin wissen wir auch, wo wir schummeln und wehren heldenhaft Eindringlinge ab, die versuchen, uns vor uns selbst zu entblößen. Es ist menschlich das Gesicht wahren zu wollen, egal wie verschleiert es ist. Gerade in der heutigen Gesellschaft, welche das Individuum preist und bemüht ist, uns unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Sexualität vor möglichst viele Entscheidungen zu stellen, ist das Gefühl der Selbstbestimmtheit und Macht über das eigene Leben zu einem stetigen Gast unseres Bewusstseins geworden. Man steht einerseits unter dem Druck ‘des eigenen Glückes Schmied’ zu sein und gleichzeitig müssen wir mit dem Gedanken leben, dass die Natur, also der Zufall allein, uns ohne Vorwarnung jeder Zeit das Zepter aus der Hand reißen und uns mit all unseren Errungenschaften ins Nichts befördern kann. Doch wenn sich dieser dumme Zufall nicht ergibt, wir bei vollem Bewusstsein eines Tages irgendwo liegen und den Tod erwarten, dann werden wir vielleicht spüren, das die Macht und Kontrolle über das eigene Leben wie auch die Bedeutsamkeit unserer kleinen Welt, die wir unter diesen Bedingungen mit soviel Herzblut geschaffen haben, einem Traum gleichen, aus welchem wir nun erwachen. Der Mensch ist kein Freund der Realität, zwar redet er viel davon ihr ins Auge sehen zu müssen, doch schielt er zeitlebens heimlich an ihr vorbei. Sie ist es, die wir fürchten, glaube ich, denn sie bringt das Kartenhaus aus Freiheit, Willen, Macht, Kontrolle, Bedeutsamkeit und sogar Liebe zum fallen. Alles, was wir erlebt, gesehen, gefühlt und geschaffen haben gleicht nun einem Bündel Ware, das wir abgeben müssen. Der Gläubige wird je nach Qualität des Bündels in eine bessere Welt entsandt. Der Lohn des Ungläubigen ist das Nichts. Wir sind hilflos und müssen ironischerweise erkennen, dass wir die Kontrolle, deren Verlust wir nun zu spüren glauben, eigentlich nie hatten.


* Vgl. Zeitkapsel: http://de.wikipedia.org/wiki/Crypt_of_Civilization

Fortsetzung:

Ein Gedanke zu „Über den Tod :2: Verpassen, Vergessen, Verlieren

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