Im Schmerz Geboren – David Bowies ★

Blackstar-CD

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Den Moment solle man leben, heißt es. Die Logik hinter dieser immer neu aufgelegten Platte schlauer Ratschläge ergibt sich im Wesentlichen aus dem Umstand, dass Vergangenheit wie auch Zukunft ausschließlich unserem Bewusstsein zugeordnet werden können, die Gegenwart jedoch konstituiert, was wir Realität nennen. Zwar sind wir in der Lage uns in ungeheure Zeiträume hinauszudenken, doch bleiben wir Augenblickswesen, die sich selbst, also die eigene Existenz, immer nur dann fühlen können, wenn die Aufmerksamkeit dem gegenwärtigen Moment geschenkt wird. Doch nicht jeder Moment lohnt darin zu verharren? Genau genommen sind es die Wenigsten und wenn die moderne Gesellschaft eines gelernt hat, dann sich zu zerstreuen. Oft dienen die Sinne als Krücke uns aus dem Dschungel der Träume, Pläne und Erinnerungen in die Welt zurückzuholen, in welcher wir tatsächlich gerade ein- und ausatmen. Wenn man beispielsweise einer gut programmierten Maschine gleich mit dem Auto unterwegs ist und so vor sich hin und sich weg sinniert, ist es oft ein Sonnenuntergang, eine Melodie oder auch ein Moment der drohenden Gefahr, der die Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückzieht. Schönheit und Angst scheinen immer hier. Tod und Liebe immer dort.

★ lässt diese gedachten Grenzen verschwimmen, denn es reißt uns hinfort in den Gedankenozean eines sterbenden Mannes. 

Mit dem fast zehnminütigen Titelsong beginnt die ungewöhnliche Reise. „Blackstar“  zieht uns wie ein Strudel hinein in die Orientierungslosigkeit. Es ist dunkel. Paralysiert treibt man vor sich hin, will zurück, doch kann sich nicht bewegen. Man fühlt, dass er nah ist, so nah. Doch man kann ihn nicht sehen, nicht fassen, nicht retten. Dann, auf halber Strecke, packt er dich plötzlich an den Füßen und zieht dich unter Wasser. Atemberaubt. Still. Ein wärmender Lichtstrahl. Man fühlt sich wieder selbst, fast will man zum Augenblick sagen…, schon muss man wieder nach Luft schnappen und kehrt zurück an die Oberfläche. Nur kurz. Track 2: Bowie atmet ins Mikro. Hastig. Wieder ein Ruck in die Tiefe. Das Auge brennt. Ich reiße mir die Hörer aus dem Ohr. Er atmet nicht mehr.  

★ lebt von jenen Momenten, die die Tragik und Schönheit des Lebens, Liebens und Sterbens vereinen. Man weiß nie, ob man gerade seinen Tod, seine Schönheit, seine Kunst oder gar die eigene Vergänglichkeit beweint. Man fühlt nur sehr deutlich, dass man noch da ist. Das ist sein Geschenk an uns. 

David Bowie beginnt im Sommer 2014 an seinem 25ten Album zu arbeiten. Es ist das Letzte und er weiß es. Leberkrebs. 18 Monate lang arbeitet er nun unablässig an der Inszenierung seines Abschieds. ★ soll das konventionelle Grabmal, vor allem dessen Inschrift, ersetzen. Hierhin solle man pilgern, wenn man posthum seine Nähe, seinen Geist sucht, nur hier wird man fündig werden. Alles scheint penibel bis hin zum Zeitpunkt seines letzten Atemzugs durchgeplant. Anfang Dezember feiert sein erstes Musical „Lazarus“ (ein Adaption des Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976)) in New York Premiere, welcher er persönlich noch beiwohnen konnte, jedoch Berichten zufolge anschließend hinter der Bühne zusammenbrach. Am 8.1.2016, seinem 69. Geburtstag, erschien das Album. Es war vollendet. Am 10.1.16 dann ließ er seine Kunst für sich atmen.

Something happened on the day he died,
Spirit rose a metre and stepped aside
Somebody else took his place, and bravely cried
„Im a blackstar. I’m a blackstar“.

★ist in jeder Hinsicht ein Album der Extreme, aus einer Endzeitstimmung heraus irgendwo zwischen Angst, Schmerz und Liebe zum Handwerk entstanden, katapultierte es die eigenen Ansprüche des Künstlers an dieses Album sicher ins Unermessliche. Er wählt den Jazz als instrumentales Leitmotiv,  denn hier geht es zu wie im Leben selbst – mal geordnet, dann wieder hysterisch, mal laut und  überheblich, dann wieder verschüchtert im Hintergrund. Elektronische Beats untermalen atmosphärische und apokalyptische Momente, Hip Hop Elemente würzen das Abendmahl. Gesanglich hören wir 69 Jahre David Bowie und knien nieder.
7 Songs verarbeiten in 41 Minuten Vergangenheit, Gegenwart und traurige Zukunft. „Blackstar“ & „Lazarus“ bedienen Letzteres. Beide Songs sind episodisch strukturiert und malen den Weg aus dem Dunkel ins Nichts mit unvorstellbarer Intensität. „Tis is a pity she was a whore“ und „Sue (or in a season of crime)“ wurden aus der Vergangenheit gekramt, mit dem Saxofon aufgetakelt und zurück auf die Bühne geschupst. Ersteres schaukelt einen in unschuldigen Melodien durch vulgäre altenglische Texte. Sein bestes Stück sollte eben auch festgehalten werden, selbstredend. Sue ist purer Jazzrock, da hat er mich zugegeben öfter verloren. Ein Teelöffel Jugend ist der Preis, wenn „Girl Loves Me“ in die Box hüpft. „Dollar Days“ ist eine spontan im Studio entstandene, fast klassische Ballade – Streicher, Piano, Bongos – fehlt nur der Kinderchor.

★ lässt bewusst sehr viel Interpretationsspielraum, der natürlich nun genutzt wird. In unzähligen Artikeln bemüht man sich den Blackstar-Code zu knacken. So ist es konzipiert.  Ich will nichts wiederholen. Über alle sinnlichen Ebenen hinweg ist es von vielschichtiger Symbolik durchflutet, die Fragen beantwortet als auch aufwirft. Allein die Deutungsvarianten des schwarzen Sterns oder die Frage nach der Genrezuordnung werden wohl ganze Bücher nach sich ziehen. Gesänge auf seine Schönheit ganze Bibliotheken. Ein außergewöhnliches Leben und ein tragischer Tod stecken in diesem Bowie-Ozean, der sich an einem Tag nicht durchqueren lässt. Ein jeder sucht sich endlich selbst aus, wie tief er taucht.„I cant give everything away“ heißt das letzte Stück bezeichnenderweise.

David Bowie hinterlässt ein musikalisches, visuelles und emotionales Tagebuch der Selbstmonumentalisierung. Die offizielle Facebookseite des Künstlers gab kürzlich bekannt, dass ★ weltweit (also dort, wo man sich Musik leisten kann) auf Platz 1 ist. Wie traurig ist das?

2015 

Look up here, I’m in heaven/I’ve got scars that can’t be seen/I’ve got drama/can’t be stolen/
Everybody knows me now/Look up here, man, I’m in danger/I’ve got nothing left to lose/I’m so high/it makes my brain whirl/Dropped my cell phone down below/
Ain’t that just like me?/By the time I got to New York/I was living like a king/
Then I used up all my money/I was looking for your ass

This way or no way /You know I’ll be free Just like that bluebird / Now, ain’t that just like me?Oh, I’ll be free Just like that bluebird./ Oh, I’ll be free/
Ain’t that just like me?

2013

Berlin & Paris, 2002

1:21

1969 „…the stars look very different today“

 RIP

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Ein Gedanke zu „Im Schmerz Geboren – David Bowies ★

  1. So richtig Zugang hab ich nie zu ihm gefunden. Interessanterweise waren die kommerziellesten Momente in den 80ern die die mich ihm näher gebracht haben, aber gleichermaßen die von der er sich am meisten distanziert hatte. Aber wie so oft weiss man auch immer erst in solchen dramatischen Momenten welche Bedeutung jemand hatte und wie groß die künstlerische Lücke ist, die er hinterlässt.

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