Über den Tod :3: Leben lernen

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Was macht man nun daraus? Die ganze Angelegenheit scheint doch recht frustrierend? Fühlt man sich nicht gleich wie ein hilflose Frucht, die darauf wartet vom Baum zu fallen? Warum sollte die Sonne jeden Tag aufgehen, uns mit Licht, Wärme und Geist erfüllen, wenn der Akt des Aufstehens keine Bedeutung hätte?

„Philosophieren heißt sterben lernen“, schrieb Michel de Montaigne. Philosophieren heißt leben lernen, denke ich, und widerspreche ihm damit weniger als es den Anschein macht.

Manchmal müssen ganze Welten zerstört werden, um Platz für das Fundament einer zeitgemäßen oder fruchtvolleren Variante zu schaffen. Innenwelten sind gemeint natürlich, denn hier entwickeln wir eine Vorstellung davon, wer wir sind und was wir hier tun. Diese Vorstellungen sind eben nur Vorstellungen, aber wir benötigen sie in jenen Momenten zur Orientierung, wo uns die Instinkte nicht ausreichen. Sie verändern und entwickeln sie sich im Laufe unseres Lebens kontinuierlich. Ab und an jedoch erleben wir einen Bruch, einen Moment, wo das ganze Gebilde, das wir aufgebaut haben und unsere Welt nennen, großflächig gerodet und neu kultiviert werden muss. Mindestens einen solchen Zyklus durchlaufen wir alle in jenem Augenblick, wo wir uns von der Orientierungshilfe unserer Kindheit, also der Welt unserer Eltern, abnabeln. Wir beginnen unsere eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse mit denen abzugleichen, die uns auf den Weg gegeben wurden. Wir lernen uns als eigenständig denkendes, handelndes und fortpflanzungsfähiges Wesen kennen, als ein Ich, das Entscheidungen trifft. Wir springen hoch und springen weit im Siebenmeilenstiefel des Lebens, wollen nicht nur unsere eigene, sondern gleich die Welt der Anderen neu erschaffen und nennen es Jugend! Das Leben, die eigene Kraft und Schönheit scheinen grenzenlos. Dieser Übermut als Motor allen Fortschritts resultiert aus dem einfachen Umstand, dass wir erst später lernen dürfen, dass das Weitspringen nur dann sinnvoll ist, wenn man weiß, in welche Richtung und das Hochspringen einen tiefen Fall nach sich ziehen kann, den man abzufedern in der Lage sein muss. Die Jugend ist sozusagen eine zweite, elternunabhängi(ger)e, Kindheit, getrieben von Instinkten und aufgeführt auf den Brettern der kleinen Welt. Erwachsen werden wir, wenn wir mit den Konsequenzen unserer übermütigen Entscheidungen konfrontiert werden und je nachdem wie fehlbar unsere Instinkte waren und sind, damit beginnen, abzuwägen, zu zögern und Salat zu essen. Der Zeitpunkt kann je nach Lebens- und Persönlichkeitsumständen stark variieren.

Ebenso die Häufigkeit. Es kann, muss aber nicht, das letzte Mal gewesen sein, dass sich unser Bild von der menschlichen Lebenswelt und unserer Bedeutung darin grundlegend erneuert. Die Geburt eines Kindes, der Tod eines Angehörigen, aber auch nur ein einziger Satz in einem Buch oder gar ein simpler Akkordwechsel in einem Song können die Kraft haben, das eigene Konstrukt der Welt erneut zur Prüfung auf die Anklagebank zu befördern. Nur lautet die Frage nun nicht mehr „Auf welche Weise fülle ich mein Leben mit Sinn und Bedeutung?“, sondern „Ist das Leben, bin ich, überhaupt von Bedeutung (gewesen)?“

Was unterscheidet mich nun von der Frucht, die, wenn nicht vorab gepflückt und verspeist, irgendwann faul vom Baum fällt? Die Natur muss doch ihre Gründe gehabt haben, uns die Bürde der Gewissheit um die eigene Endlichkeit aufzutragen und es erscheint ein Widerspruch in sich, dass dies zu einem lebensfeindlichen Zweck geschehen sein soll? Ist es nicht abwegig, uns mit ausgeklügelten Überlebensinstinkten auszustatten, wenn das Überleben keinen Wert hätte? Vielleicht liegt es in der Logik unseres egozentrischen Verstandes genau diese Fragen zu stellen, die Natur zu personifizieren, d.h. Zweck und Ablauf ihrer Handlungen nach menschlichem Vorbild zu evaluieren. Wir müssen diese Kausalitäten erzwingen, um alles, was wir sinnlich wahrnehmen, irgendwie zu einem greifbaren Ganzen zu verketten. Fakt ist jedoch, dass dieses eine Ganze nicht unbedingt außerhalb unserer Vorstellung existieren muss. Der menschliche Verstand ist darauf programmiert, immer ein Davor, ein Danach und ein Darum zu denken. Womöglich ist die Natur aber nicht mehr und nicht weniger als unbewusste Notwendigkeit. Sie könnte weder von einem Zweck geleitet, noch ein bestimmtes Ziel verfolgen – zumindest können wir nichts davon voraussetzen. Zunächst ist sie selbst nur ein Begriff für etwas, das wir (paradoxerweise) nicht be-greifen können – eine Erklärungskrücke. Glauben wir Darwin, so ist die Entstehung der Arten die Konsequenz zufälliger Mutationen und natürlicher Selektion. Demnach ist auch der Mensch, seine Geburt, seine Existenz wie auch sein Tod, im Einzelnen wie im Ganzen, nichts als Zufall. Du, ich – Zufall! Und als wäre das nicht genug, völlig zwecklos. Friedrich Nietzsche nannte den Menschen die „hochmütigste und verlogenste Minute in der Weltgeschichte“ und mal ganz davon abgesehen, dass eine solche Behauptung die Kenntnis aller anderen „Minuten“ der Weltgeschichte voraussetzen würde, räumt diese Aussage dem Menschen immer noch mehr Bedeutung ein, als ihm zusteht, denn er ist nicht hochmütiger oder verlogener als er eben sein muss.

Zurück im Matrix-Szenario wurde die blaue Pille also bereits geschluckt und die Welt, wie man sie glaubte zu kennen, existiert nur noch als eine Art Film, in welchem man sich selbst beim Spielen betrachtet. Der Verlust des Vertrauten ist oft schmerzhaft, aber gleichzeitig erfährt man eben, wie Neo seinerzeit, eine Befreiung und Neugeburt. Nur geht es hier eben nicht darum, alle anderen zu erhellen oder zu befreien, wie einst im Film, sondern einzig darum, das Weltspiel innerhalb der Matrix im Sinne der Optimierung der eigenen Lebenspraxis neu zu bewerten. Das erfordert Energie und Willen zur Veränderung, beides kann man nicht in jeder Lebensphase einfach so herzaubern. Der große Unterschied zum Film ist der Umstand, dass wir die Matrix nie wirklich verlassen. Die blaue Pille für uns also nichts weiter ist als eine Metapher für jene Momente, wo wir uns im Geiste vom Akteur zum Zuschauer machen, wir uns also in unserer Vorstellung über die eigene Lebensspanne und aus uns selbst herausdenken. Glücklicherweise gelingt es dem fabelhaften Gauklerspiel Alltag meine Aufmerksamkeit über große Strecken davon abzuhalten nur allzu oft hinüber in jene Welt zu triften, wo ich nur ein Sandkorn in der Wüste der Zeit bin. Ich meine, warum sitze ich noch hier mit meinem Kaffee und korrigiere meine Zeilen unaufhörlich, wenn ich trotz dieser Überzeugungen nicht doch in meiner Arbeit und/oder Person irgendeinen Wert erfühlen würde?

Natürlich ist das Leben sinn-voll, aber nur solange wir es durch eben unsere Sinne füllen können. Unsere Matrix besteht neben den sinnlichen Erscheinungen auch aus gefühlten und gewünschten Wahrheiten bzw. sind wir immer bemüht alles, was wir wahrnehmen so zu vernetzen, dass diese gefühlten Wahrheiten bestätigt werden. Jene trampeln dann ohne Pardon auf unserem um objektive Erkenntnisse bemühten Verstand herum, wenn es darum geht ein glückliches Menschenleben zu führen. Und das ist gut so! Denn so ist die Antwort auf die Frage “Ist das Leben, bin ich, überhaupt von Bedeutung?“ mit einem klaren ‚ja‘ zu beantworten, denn die Tatsache allein, dass ich im Angesicht dieser Gedanken nicht sofort den ‚Stift‘ fallen lasse, stattdessen fast aufgeregt weiterschreibe, zeigt doch ganz deutlich, dass die gefühlte Wahrheit Herr im Hause Mensch ist?! Es ist nicht gefährlich zu wissen, dass man einem Staubkorn im Universum gleicht, erst wenn man es fühlt, wird es einem den Spaß am Leben nehmen. Erinnern wir uns ein letztes Mal an den Film, der auch hier dieses Prinzip wunderbar umzusetzen wusste: Ist Neo der Auserwählte? Das Orakel sagt nein und doch macht er weiter, getrieben von einem unbewussten Gefühl – dem Gefühl sich zu unterscheiden, zu bedeuten. Wir alle sind Neo. Wir alle sind auserwählt unser Selbst, unsere Existenz als etwas Außergewöhnliches zu spüren, unser kleines Boot im Ozean des Verschwindens aufrecht zu halten – und das nicht allein, um nicht zu ertrinken, sondern um uns am Glanz der Sterne zu erfreuen. Wenn wir also über den Tod nachdenken und fürchten, dass er uns und der Welt eines unaussprechlich wertvollen Gutes beraubt, indem er uns das Leben nimmt, so ist das eine legitime Sorge. Was sonst soll denn als Maß herangezogen werden als das menschliche Gefühl? Wir überleben, indem wir subjektive Wahrheiten basteln, nicht indem wir an einer Objektiven scheitern, die uns ihr Gesicht nie zeigen kann. Es ist zwar nur ein Zufall, aber eben ein glücklicher Zufall, überhaupt zu existieren und sich für eine Sekunde im Weltgefüge spüren zu dürfen. Trotzdem finde ich, ist es lebenspraktisch hilfreich diesen unangenehmen Weg innerlich ab und an zu gehen, der Stimme im Hintergrund zu lauschen, denn was man von der Reise mitbringt ist ein rares Gut: Gelassenheit. Die Weltzeitperspektive, die nicht nur das eigene Dasein, sondern das ganze gesellschaftliche (M)Hysterienspiel über die Jahrhunderte belanglos und winzig erscheinen lässt, kann sehr hilfreich sein, viele alltägliche Ängste und Ärgernisse zu entdramatisieren. Die blaue Pille zeigt uns den Film über die Menschen aus einer Entfernung, die das Individuum und seine Befindlichkeiten ausblendet. Wir sehen ein paar niedliche Säuger, die (wie alle anderen) mit ein paar ausgeklügelten Werkzeugen ausgestattet ganz aufgeregt über den Planeten hüpfen, was von ‚Licht‘ rufen, mit den Fingern aufeinander zeigen, um schließlich dann doch auch nur durch das Zusammenstecken ihrer Geschlechtsorgane ihr Überleben und etwas Spaß sichern. Und bevor sie in der Lage waren, zu klären, wer denn nun den Längsten hatte (Arm), waren sie wieder weg. Wir erkennen daran vielleicht, dass wir uns alle nichts nehmen, insbesondere wenn es darum geht, zu glauben das Maß der Dinge in uns selbst gefunden zu haben. Wenn mich etwas bedrückt, ich wütend oder traurig bin, wird mich das Einnehmen dieser Perspektive zwar nicht in die Lage versetzen, die Emotion selbst zu lindern, aber das Wissen um die Flüchtigkeit des Problems hilft doch sehr die Kraft und Geduld aufzubringen tapfer zu warten bis es eben überwunden ist. Auch das Leben.

 

 

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