Dschungelcamp für Intellektuelle – Thomas Melle und „Die Welt im Rücken“

Unterm Baum lagen im letzten Jahr die mühsam zusammengeklebten Scherben einer ungewöhnlichen Existenz. Es ist das Leben von Thomas Melle, Autor der Romane Sickster und 3000 Euro, der seit seiner Jugend unter einer ausgeprägten bipolaren Störung leidet, die sich in seinem Fall im Wechsel besonders intensiver und langanhaltender Schübe aus manischen und depressiven Phasen manifestiert. Fröhliche Weihnachten!

978-3-87134-170-0Ich habe schon einige Leute getroffen, die sich selbst diagnostizierend die ‚manisch-depressive Erkrankung‘ fast stolz auf den inneren Krankenschein geschrieben haben. Auch ICH ein kreatives Genie?! Eher nicht! Es ist lediglich ein guter Weg, die eigenen Unzulänglichkeiten zu entschuldigen und unter einen Tisch kehren, auf dem selten etwas Brauchbares steht – kombiniert mit der Gewissheit, dass jedes Versagen aus der gesellschaftlichen Unterdrückung der eigenen verkannten genialischen Natur entspringen muss – ein quasi unzerbrechlicher Selbstschutz. Aus Melles Buch jedoch  lernen wir das tatsächliche Ausmaß einer solchen Erkrankung kennen. Diese Leidensgeschichte, die sich regelrecht hinter dem Rücken des Autors entfaltet, räumt schnell auf mit dem Achtelwissen, denn der Unterschied zwischen bloßer Neigung, einer Tendenz und einer ausgewachsenen pathologischen Störung wird deutlich erkennbar. Das Genie mag wahnsinnig erscheinen, aber der Wahnsinnige ist selten ein Genie.

Für den heute 41jährigen Thomas Melle war das allseits gescholtene Jahr 2016 also ein verhältnismäßig gutes. Seine Krankheit konnte für den Moment medikamentös soweit gebändigt werden, dass sich ein normalitätsähnlicher Zustand einstellte, d.h. er unbeaufsichtigt leben und arbeiten konnte, weder unverhältnismäßig größenwahnsinnig noch paranoid war und die Welt in ähnlich gedeckten Farben sah wie die depressiven Mustermanns in der Nachbarwohnung. Ein Zustand mit Seltenheitswert, den er nutzte, dieses Buch zu schreiben, was kaum so einfach gewesen sein kann, wie dieser beiläufige Nebensatz vermuten lassen möchte. Menschen mit psychischen Störungen dürfen nur dann zwangseingewiesen werden, wenn sie für sich selbst oder andere eine nachweisliche Gefahr darstellen – bis es zu solchen Maßnahmen allerdings kommt, können bis dahin entstandene Schäden schon irreparabel sein. Als man den umherirrenden Thomas Melle  schließlich einfangen, ausnüchtern und medikamentös ‚einstellen‘ (gräßliches Wort) durfte, glich seine Lebenswelt bereits einem wüsten Kriegsschauplatz, dessen Trümmer nun zu besichtigen waren: „Sie sind jetzt stabil, Herr Melle, nun schauen sie, was sie die letzten Monate angerichtet haben!“ So erwacht er aus einer paranoiden Parallelwelt, in der er ein König war, ein Messias, der Nabel des Universums. In der ‚richtigen‘ Welt schaut ihn im Moment des Erwachens niemand mehr an. Er ist einer von vielen kranken und süchtigen Psychiatriepatienten, deren soziale Kontakte sich auf das Pflegepersonal und einen gerichtlich bestellten Betreuer beschränken – ein gestrandeter Desperado im Kuckucksnest. Vor dem Schub waren da noch einige Freunde, Kollegen, doch das für die Krankheit typische distanzlose, unangemessene und teilweise aggressive Sozialverhalten ist in seiner zerstörerischen Kraft oft stärker als jede Toleranz für das Andersartige. Im Spiegel sieht er einen von Alkoholexzessen und Schlafmangel lädierten Körper. Das Konto ist leer, der Briefkasten voll. Nun soll er  irgendwo aus den Trümmerbergen des zusammengestürzten Königreiches wenigstens etwas Würde, Talent und Zukunftsoptimismus bergen. Doch nach dem Flug kommt bekanntermaßen der Fall. Die Depression steht schon nervös hinten an und schreit nach einer zweiten Kasse. Neue Tabletten, andere. Struktur im Alltag. Arbeit. Warum kein Buch. Ich kann mir gut vorstellen, dass Melle öfters stockte, wenn er beim Schreiben das alles entscheidende Wörtchen ‚ich‘ tippen musste, denn nun scheint die Identität plötzlich obdachlos, weil das eine Ich das andere nur aus Erzählungen kennt: Wer bin ich und wenn nein…holt mich hier raus! Es ist wirklich erstaunlich, für mich unvorstellbar, wie ihm unter diesen Bedingungen ein so gefasster, gradliniger Bericht gelingen konnte.

Ich hatte dieses Buch für meine Verhältnisse ungewöhnlich schnell durchgelesen. Nicht ganz ohne den sich zwischenzeitlich mehrfach aufdrängenden Gedanken, dass es sich leserseitig wie eine Art Dschungelcamp für Intellektuelle anfühlt. Intellektuell meint in diesem Fall jeden, der sich damit brüstet über das TV-Gerät erhaben zu sein, der angibt, das gedruckte Buch dem Kindle vorzuziehen und etwas anzufangen zu wissen mit wenigstens 60% der Autoren und Werke, die über viele Seiten hinweg scheinbar Erinnerungslücken zu kitten versuchen. Die Menschen sind im Grunde alle gleich, nur gibt es je nach Ausprägung individueller Fähigkeiten verschiedene Ebenen und Wege, die Welt wahrzunehmen, sie zu verarbeiten. Ich neige dazu, diese Verschiedenheiten gleichrangig zu betrachten, als gleichwertiges Nebeneinander statt hierarchischem Untereinander gestaffelter Wertigkeiten. Ob ich mir nun ein Scripted Reality Format reinziehe, Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ lese oder eben diese traurige Geschichte, ist im Ergebnis doch dasselbe: Wir sehen Menschenfetzen, rezipieren und konsumieren unvollständige Geschichten, die so konstruiert sind, dass der Leser oder Zuschauer Raum hat zu tun, was er am liebsten tut: urteilen. So darf er zu dem Schluss kommen, dass andere noch beschissener dran sind als er selbst. Sowas baut ungeheuer auf und eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit, Empathie mit der Angst zu verwechseln, dass es einen selbst erwischen kann. Blanker, zynischer Voyeurismus. Das sogenannte Bildungsbürgertum versteckt sich zur Gewinnung dieser nur allzu menschlichen Gefühle freilich hinter einem Buch. Deshalb locken sie den angestrebten Sexualpartner auch eher mit einem ‚interessanten Gespräch‘, statt mit einer Kirschtasche oder gar der Entblößung eindrucksvoller Genitalien  mit in die Höhle – zehn Minuten später sehen sie alle aus wie kleine Äffchen, was sie ja genau genommen auch sind.

Das ist keine Kritik an diesem Buch. Es ist ein Gedanke, eine mögliche Antwort, die sich aufdrängte als mich fragte, warum ich mich dieses Buch bei der Lektüre hält. Thomas Melle hat mit diesem Buch alles richtig gemacht. Er hat sich selbst ein wertvolles Lebensgeschenk beschert, für das er sich immer dankbar sein wird. Wenn man sich das Ausmaß der hier verhandelten Krankheit vor Augen hält, die vorangegangene bedrückende Kindheitsgeschichte in den Blick nimmt, wird einem klar, wie vital die Fertigstellung dieses Buch für den Autor gewesen sein muss. „Sind die Probleme im Text halbwegs gelöst, sind die des Lebens noch gar nicht berührt“, resümiert er zwar, aber nun hat er wenigstens auf dem Papier eine kohärente Vergangenheit, die jedem Menschen als Fundament der Gegenwart und Zukunft unerlässlich ist. Die Recherche und Aufarbeitung war sicherlich kein einfaches Unterfangen, wenn einige Teile der Geschichte im Kopf einfach fehlen, andere wiederum unzuverlässige Erinnerungen sind. War er in Hamburg? Hat er Madonna getroffen? Oder war das nur geträumt und fantasiert?  So puzzelt er mit Hilfe von Erzählungen anderer, seinen eigenen Textfetzen (Briefe, Blogs, Mails) und nicht zuletzt mit der langen Liste an Hausverboten, Anzeigen, Mahnungen usw. die verlorenen Monate wieder zusammen. Entstanden ist ein wirklich interessanter Krankheitsbericht für den interessierten Leser, aber eben auch ein Buch, das dem Protagonisten selbst gleich auf mehreren Ebenen Schadensbegrenzungen ermöglicht. Es dient der Erklärung, Recht-fertigung und Entschuldigung, ein Sendbrief für all jene, die er auf Streifzügen geschädigt, beleidigt oder schlichtweg ins Abseits genervt hat; auch wird Die Welt im Rücken einen nicht unwesentlichen Teil beitragen können, die massiven Schulden zu schmälern, die der trink- und reiselustige Obdachlose vagabundierend angehäuft hat. Immerhin war das Buch verdientermaßen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises  zu finden, nominiert in der Kategorie als bester Roman, was nicht ganz einleuchtet.  Neben vielen persönlichen Komponenten, ist die intime Chronik eines gezeichneten Lebens auch ein Sachbuch, das über eine Krankheit informiert, sie von anderen Störungen abgrenzt und somit seine Leser abseits des literarischen Narrativs bildet. Man geht danach mit offeneren Augen und anderem Blick durch die Straßen. So kann auch der ungepflegte Typ, der morgens immer umherstreift und fremde Leute versucht in wirre Gespräche zu verwickeln, als ein Mensch bemerkt werden, der vielleicht Hilfe benötigt und ebenso mit ein paar Medikamenten wieder ‚gesellschaftsfähig‘ (ein weiteres gräßliches Wort) gemacht werden könnte.

Es lohnt sich dieses Buch zu kaufen und zu lesen. Es ist informativ, süffig geschrieben, manchmal sogar spannend und vor allem sehr authentisch. Thomas Melle bemüht sich erfrischenderweise gar nicht erst zu verstecken, dass er zeitlebens vom Drang nach Erfolg und intellektueller Anerkennung getrieben ist. Man sieht ihm nach, dass er geneigt ist, sich selbst und dem Leser die eigene Belesenheit, intellektuellen und sprachlichen Fähigkeiten unter andem durch einen nicht enden wollenden Strudel an Namen und Referenzen immer wieder unter die Nase zu reiben. Er ist das geprügeltes Kind, das sich unter widrigen Bedingungen aus schlimmen Verhältnissen geboxt hat und zu einem reflektierten, gebildeten und erfolgreichen Schriftsteller herangewachsen ist. Seht her, was ich trotzdem alles gelesen, gehört, gedacht und vor allem geschafft habe.  Ich seh gern hin und empfehle weiter…

melle2

7 Gedanken zu „Dschungelcamp für Intellektuelle – Thomas Melle und „Die Welt im Rücken“

  1. Das Thema ma-de bzw. Bipo hab ich auch im Familien Umfeld. Allerdings etwas „sub-intellektueller“.
    Danach brauch ich dann meist ne Dosis sinead o Connor und ihre verstörenden und bizarren manisch depressiven Episoden, die sie der Welt per Facebook offenbart.
    Soll jetzt nicht veralbernd klingen, aber deine Geschichte ist glaub ich eher die Ausnahme. Klar jeder ist sein eigener Steuermann des Lebens… Aber der Leidensweg von vielen derartig erkrankten ist um einiges steiniger… Denke ich mal

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