Die Stille und der Wolf

Schwierige Zeiten. Da sind sich alle einig in ihrer Uneinigkeit. Eine Welle der Trauer und Empörung, des Krieges und Hasses, des Menschlichen und Allzumenschlichen jagt die nächste. Hierzulande sind die Menschen im Winter besonders aufgeregt. Im Frühling dann liegen sie auf sattgrünen Grashalmen gebettet im Park und nutzen die leere Zeit dazu aktiv am Smartphone eher urteilsfroh als urteilsstark das Elend in der Welt zu be#twittern. Sie nennen’s Engagement. In Zeiten wie diesen muss man eine Strategie entwickeln, in den richtigen Momenten der Brandung den Rücken zu kehren, um nicht von jeder Welle erfasst zu werden. Am Ende prallen sie, egal wie aufgebauscht sie daherkommen, auf den Strand menschlicher Egozentrik und ziehen nicht mehr als ein bisschen Dreck mit zurück ins bewegte Meer der Einbildungen. Ich sitze also auf dem Trockenen, gestrandet, und traue mich derzeit nicht ins Wasser zurück, denn ich fürchte die tosende Unruhe und die vielen Unterströmungen, die einen schneller in die Ungewissheit ziehen, als einem lieb ist. Habe ich das Meer nicht früher geliebt? Als Kind? Wie ein solches sitze ich nun hier, bockig und angewidert und denke: ich spiel nicht mehr mit! Ich weigere mich meine Achtung und vor allem Beachtung anderen Themen zu widmen als solchen, die mich erfreuen und erfüllen, mich innerlich bereichern und beglücken. Wie egozentrisch ist das? Ich lerne zu ignorieren, Gott was für ein Segen, und stehe kurz davor mich in den herrlich lauwarmen Tümpel der Gleichgültigkeit zu stürzen und mich damit abzufinden, dass wir es wohl, um einen berühmten Leipziger zu bemühen, mit der besten aller möglichen Welten zu tun haben.

die-stille-und-der-wolfIn solchen Momenten ist es wichtig ein Ass im Ärmel zu haben – einen Anker, eine Erinnerung an alles Gute und Schöne, das das Menschsein auch mit sich bringt.
Gesellschaftlicher Wellnessurlaub direkt aus dem Bücherregal sozusagen. „Die Stille und der Wolf“ ist eine Essaysammlung des seit vielen Jahren in Leipzig lehrenden Anglisten Prof. Elmar Schenkel. Zwischen Vorwort und schmackhafter Quintessenz tummeln sich über etwa 180 Seiten insgesamt 32 Essays, die sich aufgrund ihrer thematischen Breite, gedanklichen Höhe und emotionalen Tiefe nur mit Hilfe des Universums selbst in eine Gliederung prügeln ließen. Der leidenschaftliche Fahrradfahrer nimmt seine Leser, quasi auf dem Gepäckträger, mit auf eine Reise durch die kleine und die große Welt unseres Z(t)witterdaseins.

„Der Mensch vergeht – schnell.“ – so der programmatische Einstieg. Die Vergänglichkeit ist ein dominantes Thema im Buch, das mal mehr und mal weniger offensichtlich im Großteil der Texte sein Unwesen treibt. Aber eben nicht im Sinne der üblich deprimierenden Memento-Mori-Predigt, die einen erhobenen Zeigefingers daran erinnern will, wieviel Zeit man mit völligem Unsinn vertrödelt, stattdessen wird die Vergänglichkeit als Quelle von Schönheit und Glücksempfinden von innen heraus zum Sprudeln gebracht. Kürzlich brachte mich ein atemberaubender Sonnenuntergang dazu mein Auto an einer Raststätte zum Stehen zu bringen. Ich stieg aus und blickte über ein in Nebel und rote Farbe getauchtes buckliges Feld. Die Silhouetten vereinzelter Bäume und Zäune halfen den Himmel von der Erde zu unterscheiden. Ein paar Meter weiter beobachtete ich eine Gruppe Rehe, die völlig unbeeindruckt der Pracht, die sie umgab, gesenkten Hauptes Grashalme aus dem Boden dieses Gemäldes zupften. „Arme Kreaturen! Blind für die Schönheit der Welt!“ dachte ich so in mein Wonnegefühl gewickelt, „aber eben auch taub für das Verstreichen der Zeit“ holte mich die Angst zurück aus der Überheblichkeit. Glücklicherweise haben wir diesbezüglich tatsächlich mal keine Wahl. Die Welt als schön zu empfinden, bleibt wohl allein denen vorbehalten, die in vollem Bewusstsein in ihr vergehen müssen! Diese Fähigkeit, die Angst vor dem Undenkbaren mit einer Empfindung für das Unsagbare kompensieren zu können ist quasi eine Art Geschenk, eine Wiedergutmachung für die Strapazen des mit Zeitlichkeit gestraften Säugetiers. Es ist ein Gefühl, das uns im Erlebnis des Naturschönen oder einer guten Imitation dessen (wir nennen’s Kunst) überkommt und eben das schlummernde Grauen und die seelische Überzuckerung vereint. Im Gefühl der Erhabenheit versöhnen wir uns mit einem Lächeln im Gesicht mit unserem Schicksal. Und alles was es dafür braucht, ist eine geputzte Nase und offene Augen. In der modernen Gesellschaft laufen wir Gefahr uns zu automatisierten Reiz-Reaktions-Wesen ‚zurück’ zu entwickeln, zu Tieren, die geldwertes Futter suchen und schlicht vergessen dem Alltag etwas Zeit für die so vitale sinnliche Erfahrungswelt abzugewinnen. An das ‚Pause machen’ müssen wir uns mittlerweile erinnern lassen und nicht nur das, zu pausieren bedeutet einen nicht unerheblichen psychischen Aufwand für uns, denn dafür müssen wir die Geräte und Menschen um uns herum abschalten. Auch darum geht es in „Die Stille und der Wolf“, um die Stille, die wir kaum noch kennen und kaum noch ertragen, denn dann wird laut in uns drin, beginnt der innere „Wolf zu heulen“, die Gedanken zu kreisen. Doch gleichzeitig spürt man eben das eigene Herz auch wieder schlagen, von ganz allein. Es gibt sogar Leute, die Geld für Aufmerksamkeits-Apps (!) ausgeben. Ist das nicht ungeheuerlich? Elmar Schenkel, so scheint es, gehört jener Generation an, die die Gefahr noch rechtzeitig erkennen konnte. Er zeigt in seinen eben auch immer autobiographischen Essays wie schön der Tag werden kann, wenn man die Sinne nur wieder mitspielen lässt. Wir betreten eine harmonische Welt voller bunter und verzauberter Gedanken und Analogien. Man fühlt sich beim Lesen seiner Texte oft als wäre man gerade aufgewacht, aus einem schönen Traum, den man im Halbschlaf nicht mehr erinnern, aber noch immer fühlen kann. Wir tanzen mit den Blättern „wie Halloween-Kinderbanden“ durch den Herbst, schaufeln den Schnee von gestern aus dem Gedächtnis, exhumieren vergessene Welten, trinken Kaffee mit Balzac, tauchen ein in das Geheimnis des Geheimnisses und erfahren wie gut Märchen eigentlich schmecken. Wo auch immer man im Buch einsetzt, wird es immer nur wenige Zeilen brauchen, bis einem ein scharfsinniger Aphorismus, ein ungewöhnlicher Gedankengang oder eine schenklige Wortschöpfung ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Insbesondere die mit ‚Glut’ und ‚Tinte’ überschriebenen Essays widmen sich allem, was den Autor innerlich und äußerlich bewegt, besonders auch der Korrelation zwischen diesen Zuständen – dem gedanklichen Kreisen auf der einen Seite und dem körperlichen Reisen auf der anderen. Schenkel reiste viel, mit dem Zug, auf dem Fahrrad, durch Indien, Russland, Osteuropa und die Nachbarschaft. Zu jeder Station gibt es Tintenklekse in Form von Berichten und Büchern, die es zu lesen lohnt. Geistig ist der Anglistikprofessor schon berufsbedingt immer unterwegs durch die Literatur- Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Er schreibt über die vielen Häuser, Denkmäler, Friedhöfe und Bibliotheken, die andere daran hindern mögen uns zu vergessen und gleichzeitig erinnert er an Ausbau und Renovierung der eigenen inneren Hütte, um nicht Gefahr zu laufen sich selbst zu vergessen.  Sein Vater lehrte ihm einst den Bogen zu spannen, den Pfeil zu justieren und die die Mitte der Scheibe zu treffen. Seine Schriften zeigen auf wundersame Weise, wie er dieses Prozedere in seine schriftstellerischen Arbeiten übertragen konnte. Nahezu jeder Text in diesem Buch vollbringt den philosophischen und literarischen Kraftakt den Bogen von der autobiographischen Anekdote über eine sinnliche Malerei bis hin zum allgemeinen Erkenntnisangebot zu spannen und immer gelingt es dabei die Sprache der Wissenschaft mit der Sprache des Herzens virtuos zu vereinen.

„Glückspilz“ erzählt beispielsweise von einem Ausflug mit der Familie in die Pilze. Während er so vor sich hinschleicht, sich von den Gerüchen und Geräuschen in vergangene Zeiten versetzen lässt und über den Akt des Sammelns selbst sinniert, stößt er mitten in der Dübener Heide auf einen ungeahnten Schatz, der ihn (vielleicht auch den Leser) der Antwort auf die große Frage nach dem rechten Weg zum Glück wieder ein ganzes Stück näherbringt. Eine analoge Geschichte ließe sich von diesem Buch und dem Glück des Fundes in der Bibliothek erzählen, nur eben nicht so schön. An anderer Stelle eine Eloge auf die Allerweltspfütze, ihre Bedeutung in unserer Kindheit und die auf den zweiten Blick doch frappierenden Ähnlichkeit mit Gedichten. Dieses Geschoss landet schließlich in der Flüchtigkeit des ganzen Universums. Vier kleine Seiten. „Damit der Bogen nicht breche, ist die Kunst da“, schrieb Nietzsche.

Heiter und gelassen umspannt er auf diese Weise weite Felder und auch an Humor fehlt es selbstverständlich nicht. Meist handelt es sich zwar um das verschworene, leise Lächeln des Wahnsinns in den Augen, manchmal jedoch bemerken auch die Leute am Tisch neben mir, dass es wohl gerade heiter zugeht im Buch der alten Dame. Die pninsche Erzählung seiner verpassten Dichterlesung beispielsweise ist zum Schreien.

„Wenn großer Geister über kleine Dinge schreiben, wird’s interessant“ schreibt Elmar Schenkel, oft in Bezug auf seine geistigen Weggefährten, den britischen Schriftsteller C.K. Chesterton zum Beispiel oder auch Hugo Kükelhaus, ein ihm aus dem heimischen Soest bekannter Künstler und Pädagoge. Dass er selbst, als Autor und Denker, diesen Geistern in nichts nachsteht, hat er hoffentlich mit einem prüfenden Blick über die eigene Schulter selbst schon bemerkt. Seine Gedankenreisen und Perspektivvielfalt veranlassen den Leser nicht nur zum Mitdenken, sondern beflügeln ihn förmlich dazu weiterzudenken. Denn natürlich sollen hier keine allgemeingültigen Weisheiten gepredigt werden, sondern vielmehr die Vielfalt an Möglichkeiten Zugang zum Leben zu finden geöffnet bzw. wiedereröffnet werden. Oft sind es Gedankennetze, die man weiterspinnt oder sinnliche Luftbrücken, an denen man sich emotional entlang hangelt – immer in der Hoffnung damit dem Ideengerüst der eigenen Lebenswelt etwas Stabilität abtrotzen zu können. So thematisiert er z.B. die Anziehungskraft von Brettspielen, die es uns erlauben aus unseren Alltagsrollen herauszutreten und uns „wie Götter den Winzlingen auf dem Brett“ gegenüber zu verhalten. Das Spielbrett wird als „Vergrößerungsglas für die täglichen Erfahrungen“ angeboten. Diese Vogelperspektive auf unser Verhalten eröffnet doch wunderbare Möglichkeiten zu reflektieren? Ich fragte mich z.B., was eine Figur dazu veranlassen könnte vom „rechten“ Wege abzukommen, Schleichwege einzuschlagen und zu schummeln? Solange einem die Würfel zugeneigt sind, man also das vermeintliche Glück auf seiner Seite hat, gibt es doch kaum Veranlassung den vorgezeichneten Weg zu verlassen? Beginnt man nicht zu schummeln, wenn einen das Glück verlässt? Ist die Suche nach Alternativen dem Verlierer des Gesellschaftsspiels vorbehalten? Könnte fehlendes Glück eine Quelle des kreativen Gedankens sein?
Ebenso bedenkenswert Das Wir – ein Text, der der Frage nachgeht, wieviel Wir dem Ich zuträglich ist. Schenkel konzentriert sich hier auf jene Formen des Wir, die ein Mensch mit hohem Individualisierungspotential meist versucht zu umschiffen ohne gleich den Ozean zu verlassen. Ein Wir dagegen, das viele Menschen, wenn nicht gar alle Menschen anstreben, ist das verliebte Wir. Hier ist doch alles ganz anders? Ist es nicht die kleinste, individuellste und somit „höchste“ Form des Wir? Oder kann man hier nicht mehr von einem Wir sprechen, wenn man sich als Einheit wahrnimmt? Sprechen wir dann noch vom Individuum? Vom Dividuum vielleicht? Oder wären zwei in diesem Fall gleich mindestens vier? Rüdiger Safranski wüsste die Antwort.

Ich empfehle dieses Buch, weil man sich beim Lesen als Mensch in seiner Haut wieder etwas wohler fühlt. Als ich es zur Seite lege, blicke ich wieder auf. Ich sehe das Meer, nun ruhig und friedlich von der Sonne gewärmt wie eine schützende Decke über der Tiefe der Welt liegen. Ich will wieder mitspielen, mit dem Strom und gleichzeitig gegen den Strom schwimmen, denn ich bin Mensch, muss selbst eine kleine Welle im großen Ozean der Gesellschaft sein. Wenn die Oberfläche sich wieder auftürmt, das Getöse zu laut und die heiße Luft zu stickig wird, kann ich jederzeit untertauchen, hinein in eine Welt, in der man die Stille hören kann, wenn man die Luft anhält. Da ist so viel Platz, für jeden von uns, an diesem kostbaren Ort, wo das Untergehen dem Auftauchen für einen Moment die Show stiehlt.

 

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Ein Gedanke zu „Die Stille und der Wolf

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