Der Stein der Weisen

Die menschliche Weisheit ist in vielen Kulturen dieser Welt eng mit dem gehobenen Alter verknüpft. Der weise Mensch hat laut Liste in vielen produktiven Jahrzehnten seines Lebens ausreichend Erfahrungen und Wissen gesammelt, um die Welt nun in gelassener Manier der nächsten, noch jungen und aufgeregten Generation vermitteln zu können. Die tiefen Denkfurchen zwischen den Augen und der lange, graue Bart sind optional, aber sehr hilfreich, insbesondere, wenn man die weisen Männer von weisen Frauen unterscheiden will, die neuerdings hier und da um die Ecke kommen. Aber zurück.
Die Gelassenheit des Alters scheint dabei einer Kombination aus verlorengehender Zukunft und zunehmender Versteinerung der Triebe und Emotionen zu entspringen. Natürlich steht man der Welt gelassener gegenüber, wenn die eigene Bedeutung darin schwindet, man sich also nach vorn hin nur noch fragen kann, ob man einen schlauen Spruch oder das Keksrezept der Oma auf seinen Grabstein gravieren lassen möchte? Was die Versteinerung der Emotionen und Triebe anbetrifft, predigte ja schon Sokrates, wann immer er einen Zuhörer zu fassen bekam, sich doch möglichst vom Körper zu befreien, wenn man vorhat, auch nur irgendwas wissen zu wollen. Nicht umsonst versammelt sich das intellektuelle Interesse seit über zweieinhalbtausend Jahren um den Stein der Weisen – einen kalten, alten Brocken also, der alles Unedle und Niedere in eine reinere, höhere Form des eigenen Selbst zu transformieren in der Lage ist. Die Ähnlichkeit zum gemeinen Philosophen scheint frappierend.

Ein Weiser hingegen, der lauter Steine um sich versammelte und heute selbst in versteinerter Variante überall herumsteht, ist Johann Wolfgang von Goethe. Als der sich im November 1775 auf den Amtsschimmel nach Weimar schwang, war er mit gerade 26 Jahren ein gemachter Mann, wie man heute sagen würde, ein Dichter, ein Ausnahmetalent, das die ganze Welt auf Zuruf zu poetisieren und zu versifizieren in der Lage war.  Durch seinen Werther wurde der junge Euphorion dann quasi über Nacht zum Rockstar der deutschen Sturm- und Drang Literatur.  Doch, und nun kommt das Aber, wurde ihm die Leichtigkeit, mit der er bis dato zum Erfolg schwebte zum Problem. Er bekam nicht nur das ungeheure Potential quasi in die Wiege gelegt, sondern auch die entsprechenden Mittel, um es ausschöpfen zu können – Reichtum, Bildung, Gesundheit (Schiller kannte zweieinhalb davon nur aus dem Lexikon). Das genialische Spiel mit der Sprache war Goethe eine tägliche Freude, die er mit traumwandlerischer Sicherheit[1]ausübte und die seinen Erfolg somit im Wortsinn auch zum Kinderspiel machte. Was ihm wirklich fehlte, war das Gefühl tatsächlich etwas geleistet zu haben. Er fühlte sich maßlos unterfordert und entschied sich deshalb bewusst für eine Häutung. So folgte er dem freudigen Ruf Karl Augusts nach Weimar, in der Hoffnung sich nun endlich den Herausforderungen und Widerständen des praktischen Lebens stellen zu dürfen – erwachsen zu werden. In erster Linie hieß das, die trüben (romantischen) Innenwelten zu verlassen und sich mit dem Außen zu beschäftigen und auf diese Weise Weltzu lernen. Der ihm schnell verfallene Herzog von Sachsen-Weimar hilft bei diesem Unterfangen und überlässt ihm nach und nach unzählige öffentliche Ämter, u.a. überträgt er ihm 1776 die Leitung zur Restaurierung des Ilmenauer Bergbaus. So begann Goethe sich intensiv mit geologischen Themen auseinanderzusetzen. Das berufsbedingte Interesse entwickelte sich zu einer Leidenschaft, die ihn zeitlebens begleiten und das Mineraliensammeln gar zur kulturellen Mode machen sollte. Keine Reise verging nun mehr, ohne dass der zum Mineralogen avancierte Poet nicht mit Steinen und Mineralien im Gepäck zurückkehrte. Seine Sammlung umfasste am Ende ca. 17500 Fundstücke. Goethe verarbeitete diese geologischen Informationen selbstverständlich nicht allein mit der wissenschaftlichen Windung seines Hirns, sondern speiste er vielmehr das, was sich vor seinem Auge in der Natur manifestierte in den philosophisch-literarischen Teil des Denkapparates ein und andersherum. Natürlich erkannte er schnell, dass die Weisheit tatsächlich dem Stein besser zu Gesicht steht, der Mensch mit seiner Wahrnehmungs- und Übersetzungsmaschine auf dem Hals seine Geschichte als Angestellter der Ewigkeit maximal weitererzählt. Und diese Geschichte umfasst den gesamten Entwicklungsprozess unseres Planeten und unserer Gattung. Nicht in den Büchern fand er die Antworten auf seine dringlichsten Fragen, sondern durch die unmittelbare Betrachtung der Naturgeschichte in der Erdkruste  darf er seine Lebensphilosophie[2]bestätigt wissen. Ein paar Jahre später flüchtet er nach Italien, um sich die Dichterhaut wieder überzustreifen. Seine Amtsgeschäfte sind zu diesem Zeitpunkt auf Eis gelegt, doch die Steine und Mineralien blieben, erwiesen sich auch im Künstlerdasein als hilfreiche, horizonterweiternde und vor allem stabilisierende Begleiter.

Auch heute sind viele Menschen wieder auf der Suche nach etwas Solidem, was dem rasanten Auftauchen und Verschwinden der Dinge, die uns umgeben, etwas Stabilität abtrotzt. In der modernen Gesellschaft, insb. in den Städten, glauben die Menschen den Stein der Weisen im Wettlauf mit dem ökonomischen und technischen Wachstum regelrecht gewinnen zu können. Im Ergebnis sehen wir, wie sich die gleichen Leute auf den Buchmessen um Lebensratgeber über Stressabbau, Meditation, Selbstfindung u.s.w. stapeln, weil sie merken, dass sie in die falsche Richtung gelaufen sind und nun zurückwollen, am liebsten dorthin, wo alles begann: in die Kindheit, in die Natur. Die Erinnerung an das Unmittelbare hat in einer Zeit, wo man kaum anders kann als sich mit dem Begriff Entartung anzufreunden, fast eine göttliche Komponente. Nun hängt es an den Lehrmeistern dieser Zeit, den weisen, kalten Brocken der Moderne, der nächsten Generation zu vermitteln, dass Google ihnen nicht alle Fragen beantworten wird.

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[1]R. Safranski verwendet diese schöne Formulierung oft, um das Instinkthafte (naive) in Goethes poetischem Gelingen hervorzuheben

[2]Goethe war Neptunist, der im Gegensatz zum Plutonist/Vulkanist, an die graduelle Entwicklung und Veränderung der Erde glaubte (Ursprung der Gesteine =  Meer) und dies eben auf seine Anschauung gesellschaftlicher Entwicklungen übertrug. Er war bekanntermaßen kein Freund des „Ausbruchs“, also der Revolution. Vielmehr setzte er auf Mäßigung und Reform.

Literatur:

Safranski, Rüdiger: Goethe Kunstwerk des Lebens. München: Carl Hanser Verlag 2013.  S.189 -193

Schenkel, Elmar: „Die Poesie der Steine. Literarische Mineralogie. Von Goethe bis Roger Caillois“. In: Keplers Dämon Begegnungen zwischen Literatur, Traum und Wissenschaft. Frankfurt Main: S. Fischer 2016. S.257-277

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