Die Stille und der Wolf

Schwierige Zeiten. Da sind sich alle einig in ihrer Uneinigkeit. Eine Welle der Trauer und Empörung, des Krieges und Hasses, des Menschlichen und Allzumenschlichen jagt die nächste. Hierzulande sind die Menschen im Winter besonders aufgeregt. Im Frühling dann liegen sie auf sattgrünen Grashalmen gebettet im Park und nutzen die leere Zeit dazu aktiv am Smartphone eher urteilsfroh als urteilsstark das Elend in der Welt zu be#twittern. Sie nennen’s Engagement. In Zeiten wie diesen muss man eine Strategie entwickeln, in den richtigen Momenten der Brandung den Rücken zu kehren, um nicht von jeder Welle erfasst zu werden. Am Ende prallen sie, egal wie aufgebauscht sie daherkommen, auf den Strand menschlicher Egozentrik und ziehen nicht mehr als ein bisschen Dreck mit zurück ins bewegte Meer der Einbildungen. Ich sitze also auf dem Trockenen, gestrandet, und traue mich derzeit nicht ins Wasser zurück, denn ich fürchte die tosende Unruhe und die vielen Unterströmungen, die einen schneller in die Ungewissheit ziehen, als einem lieb ist. Habe ich das Meer nicht früher geliebt? Als Kind? Wie ein solches sitze ich nun hier, bockig und angewidert und denke: ich spiel nicht mehr mit! Ich weigere mich meine Achtung und vor allem Beachtung anderen Themen zu widmen als solchen, die mich erfreuen und erfüllen, mich innerlich bereichern und beglücken. Wie egozentrisch ist das? Ich lerne zu ignorieren, Gott was für ein Segen, und stehe kurz davor mich in den herrlich lauwarmen Tümpel der Gleichgültigkeit zu stürzen und mich damit abzufinden, dass wir es wohl, um einen berühmten Leipziger zu bemühen, mit der besten aller möglichen Welten zu tun haben.

die-stille-und-der-wolfIn solchen Momenten ist es wichtig ein Ass im Ärmel zu haben – einen Anker, eine Erinnerung an alles Gute und Schöne, das das Menschsein auch mit sich bringt.
Gesellschaftlicher Wellnessurlaub direkt aus dem Bücherregal sozusagen. „Die Stille und der Wolf“ ist eine Essaysammlung des seit vielen Jahren in Leipzig lehrenden Anglisten Prof. Elmar Schenkel. Weiterlesen

Werbung

Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Fazit)

0079E380_1E55BFB1EE3B1D7D612A87C641155657

Dass es Rüdiger Safranski im Jahre 2013 mit einer fast 800 Seiten schweren Biographie über Johann Wolfgang von Goethe gelingt, die Spitze der gemeinen Top-Seller Charts zu stürmen, scheint doch auf den ersten Blick höchst erstaunlich?! Zum einen füllen Schriften von und über dieses „Ereignis in der Geschichte des deutschen Geistes“ ganze Bibliotheken, zum anderen überrascht es doch, dass das Interesse an Goethe auch 264 (heute auf den Tag 266) Jahre nach seinem Tod ungebrochen scheint. Das Geheimnis des großen Erfolgs dieser speziellen Biographie liegt jedoch in ihrer besonderen Struktur und Rezeptur. Denn so wie Goethe uns viel mehr sein kann als ’nur‘ Dichter, so kann dieses Buch uns auch um einiges mehr sein als ’nur‘ Biographie. Dies zumindest war ich bemüht in den vorangegangenen Artikeln (Teil 1Teil 2Teil 3) über dieses Kunstwerk über ein Kunstwerk, das einige Leben nennen, zu verdeutlichen.

Weiterlesen

Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil III)

Der Balanceakt
(Zus.Safranski. vorr. Kap. 17. Schwierigkeiten der Doppelexistenz/Entstehung Tasso. S.284ff)
„So jung hat er zu vieles schon erreicht, als daß genügsam er genießen könnte…“1

SafranskiGoetheGoethes Bedürfnis nach praktisch-wirksamer Tätigkeit wird über das nächste Jahrzehnt in Weimar mehr als gestillt. Der junge Herzog Karl August wird ihm schnell zum Freund und Weggefährten. Goethe nutzt die Wei-marer Jahre sich in neuen Materien auszutoben, das ‚Draußen‘ zu studieren. Weiterlesen

Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil II)

Dass Schiller seine anfänglichen Neidgefühle gegenüber dem offensichtlich bevorteilten Goethe überwinden und sogar in tiefe Zuneigung umwandeln konnte, ist nicht dem Umstand zuzuschreiben, dass Goethe später ein hilf- und vor allem einflussreicher Befürworter und Motor seiner Arbeit wurde, nein, Schillers Liebe für diesen vortrefflichen Menschen resultierte aus der Erkenntnis, dass Goethe eben nicht so gepflanzt wurde, wie er dort stand, sondern ebenso wachsen musste. Zwar wurzelte er in nahrhafter Erde und blühte in den vielen Sonnenstunden, die das Leben ihm bereit stellte, doch musste auch er sich mit den entsprechenden Schattenseiten seines Daseins auseinandersetzen. Und so zeigte goethebuchsich, dass Goethes Genialität eben nicht an seinem Talent Worte zu schmieden festzumachen ist, sondern an seiner kraftvollen Art das Leben zu meistern. In seiner 2013 veröffent-lichten Biographie lässt Rüdiger Safranski den Leser nun wieder mit an Goethes Seite durch dessen bewegte Existenz pilgern und entschlüsselt auf fast 800 Seiten den Code für ein scheinbar vollumfänglich gelungenes Leben. Weiterlesen

Kunstwerk Biographie – Rüdiger Safranskis Portrait des Immerbewegten (Teil I)

safranski1Ab und an war ich so fasziniert, dass ich den Kopf stolz empor hob, hinaus aus dem Fenster die im Sonnenschein glänzenden, schneebedeckten Allgäuer Gipfel anlächelte, so als würde ich sagen „kommt ihr doch runter und genießt meine Aussicht!“, denn glückliche Umstände spielten mir eine elegant und lebhaft erzählte Geschichte über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller in die Hände. Ich bin überwältigt von der augenscheinlich mühelosen Virtuosität, mit welcher die Unmenge an Material* auf eine Art und Weise gebändigt und ineinander verwoben wurde, dass es den Leser förmlich in die Geniezeit katapultiert, wo er flanieren, sich bilden und allerlei Kontakte knüpfen kann, um schließlich nicht nur wohlgelehrten Verstandes, sondern auch wohlgenährten Herzens wieder aus dem Buch in die eigene Realität zurück zu purzeln. Weiterlesen

„Nicht für jedermann: Grenzen“

Hermann Hesse genießt nun bereits seit mehreren Monaten meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich verfolge derzeit seine Texte, seine Gedanken, seinen Weg mit einem Blick fürs Detail wie es mir vorab nur selten gelungen ist. Ich selbst fühle mich durch die Lektüre seiner Romane, Erzählungen, Essays und vor allem Briefe seit Wochen gehemmt selbst produktiv zu werden. All meine mehr oder weniger gelungenen Schreibübungen galten der Vorbereitung auf ein größeres Ganzes, ein eigenes Werk, in welchem es irgendwann gelingen sollte auf fiktionalem Wege den Ausgang jenes kunterbunten Irrgartens zu finden, den ich mein Leben nenne. Hier finde ich nun, was mir selbst hätte irgendwann gelingen sollen. Weiterlesen

On Art, Beauty & Obsession Thomas Mann’s „Death in Venice“ (1911)

Oscar Wilde died shortly after being released from jail – broken, humiliated and mortified. For two years, the crown had arrested him for gross indecency and sodomy. In particular, parts of his most successful novel „The Picture of Dorian Gray“ had been quoted to prove him guilty. On several occasions Wilde tried to point out that „there is no such thing as a moral or an immoral book“, criticising „those who find ugly meanings in beautiful things“ as being „corrupt without being charming“. Admittedly, even with our knowledge about him today it is hard to believe that Mr. “I have nothing to declare but my genius” was really able to stay true to his art for art’s sake philosophy, meaning a clear separation between his own personality and his writings. “He put too much of himself into his novel” a contemporary critic observed correctly. Thomas Mann, one of the greatest German authors of the 20th century, managed to escape such a fate. Weiterlesen