Über Euphorion

Ich starte immer mal wieder den Versuch hier eine Art Einleitungstext zu schreiben, scheitere aber jedesmal, wenn es an der Zeit ist auf den Punkt zu kommen. Das kann auch nicht anders sein, fällt mir nun auf. „Über Mich“ ist eine Definitionsanfrage, es soll darum gehen, den/das Blog thematisch einzugrenzen, um dem hier her Verirrten eine Orientierung zu geben, worum es eigentlich gehen soll. Würde der Leser im Vordergrund stehen, wäre das sicher auch kein Problem, aber das tut er eben ganz offensichtlich nicht. Die Veröffentlichung dient mir zugegebenermaßen als innerliche Rattenfalle, denn im Angesicht der Möglichkeit des ‚Gesehenwerdens’ wird die Eitelkeit mit in die Schlacht des Schreibprozesses gezogen, die mir dann wiederum ein Mindestmaß an gedanklicher Ordnung, sprachlicher Malerei und Kontinuität abfordert. Euphorion repräsentiert einen Wesensanteil in mir, der, wie Rüdiger Safranski es formulieren würde, erst noch werden muss, der er ist. Deshalb werden die Artikel- und Artikelreihen auch selten ganz fertig. Doch sie malen diesem umherirrenden Geist Schritt für Schritt sein Gesicht. Bisher sieht man nicht mehr als ein Auge. Ich selbst verfolge die Geschehnisse mit einer Spannung, wie man sie sich vom Leser nur wünschen könnte. Aber auch er ist nur Mensch unter Menschen, fliegt drüber, bleibt hängen, wo es ihn selbst angeht, winkt dann freundlich und geht weiter. Er hat keine Zeit, der Leser. Wie auch? Nicht mal die Zeit hat mehr Zeit. Wer sich im Netz bewegt, sucht die schnelle Information. Und er wird fündig, wird jedes Teilchen in einer Weise zurechtgestutzt auffinden, wie er es zur Vervollständigung seines persönlichen Weltbildpuzzles benötigt. Die einzelnen Teile machen jedoch noch kein Ganzes, und auch wenn man sich bei der Zusammensetzung helfen lassen kann, sogar muss, ist es doch immer wichtig selbst ein paar Abschnitte zu vervollständigen, auch ab und an aufzustehen, zwei Schritte zurückzutreten und zu schauen, ob das, was da entsteht, ein Bild ist, das man sich tatsächlich an die Wand hängen würde. Auf jeden Fall puzzle ich hier so vor mich hin – seid willkommen, wenn ich die Sterne besinge („Musik“/„Literatur“/„Reise“) und zögert nicht zu gehen, wenn ich den Boden beackere („Gedanken“).

Nun will ich zumindest meinen didaktischen Pflichtanteil erfüllen und ein paar Worte zur Figur des Euphorion verlieren:

Ich überlebe, weil ich nicht fühle, was ich weiß. Mit Euphorion verhält es sich genau andersherum. Er stirbt, weil er noch nicht weiß, was er da fühlt. „Dorthin!“, schreit er, „Ich muß! Ich muß! Gönnt mir den Flug!“ und so hüpft der kleine Sprössling aus der Verbindung von Faust und Helena übermütig über nur wenige Verse des Goeth’Schen Meisterwerkes hinweg, bevor er, beim Versuch die menschlichen Grenzen zu überschreiten, dem Ikarus gleich, in den Tod stürzt. Er wird zum Sinnbild für die subjektivistische Poesie der Romantik, der poetische Versuch einer Versöhnung zwischen dem klassisch-antiken Ideal von Maß, Affektbändigung und Ausgeglichenheit (Helena) und dem verklärt-romantischen Mittelalter (Faust).

Der Mythos Arkadien verspricht ein Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge in paradiesischer Isolation. Abgesondert von der Welt, heißt es, wird Euphorion hier im schattigen Hain, zwischen Felsenhöhlen und geschlossenen Lauben geboren. Freiheit! Und gleich daneben – der Abgrund. Das ist sie, die Welt der Innerlichkeit und Imagination. Ihre Kinder sind verzogen, brauchen viel Raum, wenig Körper und sind unterschiedlich stark in jedem Einzelnen von uns ausgeprägt. Illusion. Träumerei. Hybris. Subjektivität. Alle samt jene Wesensanteile in uns, die ohne die zügelnde Kraft der Vernunft kein Maß und keine Grenze kennen. Gleichzeitig aber sind sie geradezu überlebensnotwendig, da sie dafür zuständig sind, uns zu helfen eine (gefühlt?) unverwechselbare Persönlichkeit zu etablieren, uns im Wortsinn von den anderen abzu-heben – ein Ich also. Ich. Ich. Je mehr Raum und Zeit man ihnen gewährt, desto prächtiger wachsen die imaginären Flügel, die sie ausbilden. So fliegt mancher gar in solch schwindelerregende Höhen, dass weder die sonst zähmend durchgreifenden Hände der Familie und Gesellschaft, noch der von der  Vernunft abgefeuerte Pfeil des Gewissens den Träumer erreichen und am tiefen Fall hindern können.

[…]ängstlich ruft die Mutter: Springe wiederholt und nach Belieben,
Aber hüte dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.
Und so mahnt der treue Vater: In der Erde liegt die Schnellkraft,
Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden,
Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt. (V.9607ff)

„Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke“ äußerte Goethe in einem Gespräch mit Eckermann 1829   – womit sich der gealterte Dichterfürst ganz klar von seinem Stürmer und Drängertum, insbesondere seiner Werther-geprägten Jugend, distanziert. Ihm selbst gelang es im Verlaufe seines langen, ge- und erfüllten Lebens sehr erfolgreich die verschiedenen Tendenzen in einem verborgenen Knoten zu vereinen. Wie ein Sternekoch in der Küche des Daseins achtete er intuitiv auf Auswahl, Timing und Dosierung der zahlreichen geistigen und emotionalen Geschmacksverstärker, die in fade Existenz das Leben hineinwürzen. So richtig schmecken wird das Mahl naturgemäß nie allen, aber darum geht es ja nicht, sondern darum, es möglichst mit Freude und Genuss  zubereitet zu haben. Die gute Absicht eventuellen Erben der Mahlzeit zumindest kein Gift untergemischt zu haben, setze ich mal voraus.

Mein Euphorion ist längst gesprungen, wie der aufmerksame Leser bereits erkannt haben dürfte. Zwei Finger halten ihn noch am Rockzipfel in der Welt. Die moderne Gesellschaft hat keinen Platz mehr für bodenlose Schwärmereien oder schmerzliche Schürferein. Das System Gemeinschaft muss funktionieren. Das Individuum ist so gut wie tot. Die Zivilisation ist dabei es zu fressen. So entstand eben diese Seite auch als ein Fluchtort vor der Stumpfheit der gesellschaftlichen Realität, ein Arkadien 2.0 sozusagen, für jene Momente, wo die wilden Kinder meiner Innerlichkeit nach Bewegung und Schokolade schreien; jene Phasen, wo ich die Welt da draußen ablehne und mich bewusst für das Kranke der inneren, statt für das Kranke der äußeren Welt entscheide, an deren schierer Existenz ich zeitweise zu zweifeln beginne. Und wie immer, muss die Kunst den Karren aus dem Dreck ziehen. Wir drehen also die Musik auf und plötzlich passt auch der Mensch wieder ins Bild. Euphorion hat seinen Spielplatz. Teile von mir sitzen am Rand und lesen ein Buch, wieder andere wollen mit all dem nichts zu tun haben.

Nun laßt mich hüpfen,
Nun laßt mich springen,
Zu allen Lüften
Hinauf zu dringen
Ist mir Begierde

Sie faßt mich schon.
[…]
Ich will nicht länger
Am Boden stocken;
Laßt mein Hände,
Laßt meine Locken,
Laßt meine Kleider,
Sie sind ja mein.
(V9711ff)

Mit aufgeregten Menschen, die sich in die Kommentarspalten verirren, wird nach Lust und Laune verfahren.