Über den Tod :1: Warum schwarz nicht immer Schwarz ist

Ich verbrachte die ersten Jahre meiner Kindheit in der ehemaligen DDR. Der Glaube an eine fortwährende Existenz der menschlichen Seele wurde mir also nicht gerade in die Wiege gelegt.  Tot sein, so erklärte man dem Arbeiterkind, sei wie schlafen, nur unendlich lang. Ich erinnere mich, bereits im Kindergartenalter an emotionaler Schnappatmung gelitten zu haben, wann immer ich mir vorzustellen versuchte, wie lange denn diese Unendlichkeit wohl sein mag, die mich erwartet, sollte mich ein Bus überfahren. Einfach weg! Für immer? Ich? …ICH! Nein nein. Und was heißt für immer? Unendlich? Der Weltraum sei zum Beispiel unendlich, erklärte man mir und zog das „Weltall, Erde, Mensch“ Buch aus dem Regal, in welchem Vorzeigerusse Juri Gagarin durch das östliche Weltall schwebte. Und so flog auch ich nun – anstatt einzuschlafen – oft stundenlang in Gedanken durch den ewig schwarzen Himmel in der Hoffnung, ein Ende zu finden. Ich flog, bis mir schlecht wurde. Ohne Erfolg. Abend für Abend beschäftigte mich mit die Frage, was wohl passiert, wenn nichts passiert und beantwortete sie in dem Moment als ich eingeschlafen war. Der leere Raum, die leere Zeit, Unendlichkeit – sie alle beschreiben ein Etwas oder auch ein Nichts, das außerhalb des menschlichen Erfahrungs- und auch Vorstellungsbereiches liegt. Leere Phantasmen. Ironie des Schicksals wohl, dass das einzige Tier auf diesem Planeten, welches sich sowohl seiner geistigen als auch körperlichen Begrenztheit bewusst ist, eine grenzenlose Welt zu imaginieren versucht. Ich habe irgendwann aufgehört mich über dieses beängstigende Thema in den Schlaf zu weinen, als mir der traditionelle menschliche Ausweg aus scheinbar unlösbaren und schmerzhaften Problematiken erstmals seine Pforten öffnete: Verdrängung. So vergingen ein paar Jahre ohne das mich das Thema merklich beschäftigte.

Mit elf oder zwölf dann sah ich die eindrucksvolle Verfilmung des Kinderbuches „Die unendliche Geschichte“. Da war es wieder, das Nichts, inmitten einer Geschichte, die niemals enden sollte. Hier fliegt Atréju auf seinem Drachen durch die sich auflösende Welt der menschlichen Phantasie und Träume. Die Macher des Films, auch Menschen, kamen naturgemäß nicht umhin, dem Unvorstellbaren ein Gesicht zu geben: das Nichts gleicht hier dem Weltraum – schwarz gefärbt, dunkel vertont und von einer Beschaffenheit, dass es den beiden verbliebenen Figuren das Sprechen, Atmen und Fliegen erlaubte. Wir sind nicht in der Lage, das Nichts zu visualisieren, ohne es zu einem Etwas zu machen und jedes Etwas ist ausgedehnt im Raum und gebunden an die Zeit. Es ist eine menschliche Denknotwendigkeit. Ich sah den Film kürzlich mit einer Freundin, die kurz und knapp anmerkte, dass das Nichts für sie einfach eine graue Wand sei. Die Wand fand ich irgendwie interessant, aber woraus ihre Vorstellung das Grau mischte, bleibt mir schleierhaft.Sie war überzeugt. Mir dagegen schien die Verwendung der Farbe Schwarz in diesem Zusammenhang sinnvoll, da es doch genau diese ist, die wir ausmachen, wenn wir die Augen schließen und ‘nichts’ mehr sehen? Doch vielleicht ist schwarz auch nicht immer Schwarz. Wahrscheinlich existiert ein entscheidender Unterschied zwischen dem Schwarzsehen und dem Nichtssehen. Wir sind nur nicht in der Lage ihn wahrzunehmen, weshalb wir diese Parallele ziehen und die Darstellung im Film aus genau diesem Grund nicht weiter hinterfragen. Es ist natürlich unnütz (wenn auch erheiternd) diesem Gedanken nachzuhinken, doch kann ich mich nicht erinnern, auch nur irgendeine Form, Farbe oder Emotion wahrgenommen zu haben, bevor ich etwas widerwillig aus dem Nichts in dieses Leben gehoben wurde. Und als einen solchen vorgeburtlichen Zustand stellt man sich den Tod eben vor, insofern man davon ausgeht, dass das Überleben einer Seele am Überleben eines Körpers hängt.

Es drängt sich also weiterhin die Frage auf, wovor ich mich fürchten sollte, obschon ich doch zich Millionen Jahre bis hin zur eigenen Geburt damit wunderbar leben bzw. nicht leben konnte. Zudem glaube ich, dass wir diesem Zustand tagtäglich über mehrere Stunden sehr nah kommen und er alles andere als unangenehm ist. Oder ist es nicht der tiefe, traumlose Schlaf, der das gefühlte Nichtvorhandensein nachspielt? Und wenn ja, scheint es nicht merkwürdig, dass viele ihn so sehr genießen, mancher sich sogar teilweise mit Schlaf belohnt, wenn etwas gelungen ist? Die Angst vor dem tatsächlichen ‚tot sein‘ scheint eine unlogische und unangemessene emotionale Reaktion zu sein. Zwar mögen wir das Unvorstellbare nicht besonders, da es uns unsere Grenzen aufzeigt, aber es kann grundsätzlich keine Angstreaktion auslösen, da diese immer ein vorstellbares Gegenüber benötigt. Die Tatsache, dass ein plötzlicher, unerwarteter Tod ganz oben auf meiner Wunschliste steht, wenn sich die Frage stellt, auf welche Weise ich am ‚allerliebsten’ die Bühne wieder verlasse, lässt doch vielmehr den Rückschluss zu, dass die Angst weniger das ungewisse Jenseits als den diesseitigen Sterbeprozess selbst im Blick hat.

Fortsetzung:

Über den Tod :2: Verpassen, Vergessen, Verlieren

Ein Gedanke zu „Über den Tod :1: Warum schwarz nicht immer Schwarz ist

  1. Pingback: Über den Tod :2: Die Quelle der Angst | Euphorion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s