Erinnerung an das große Glück der Traurigkeit

 

Um vier Uhr morgens sah ich die letzte Rakete in den Himmel, die letzte Weinflasche auf den Asphalt und mich mit dem Fahrrad volltrunken in die letzte Hecke fliegen. Im selben Moment flog in Paris eine Luxuslimousine mit der englischen Prinzessin der Herzen auf der Rückbank gegen eine Wand. Im Gegensatz zu ihr wachte ich wenige Stunden später unbeschadet wieder auf, machte nichtsahnend den Fernseher an und sah weinende Menschen auf jedem Sender. Am Frühstückstisch ein ähnliches Bild: weinende, fremde Menschen. Und selbst im betreuten Jugendauffanglager, wo ich die Nachmittage verbrachte, wurde die Trauer um den Tod einer Prinzessin doch verstärkter thematisiert als die Freude über das gerade angerissene Lebensjahr meiner Wenigkeit. Andererseits sollte mich das gerade nicht wundern, denn unser kleiner schwarzgekleideter Kreis hatte es sich schließlich zur Mission gemacht traurig zu sein. Ja, genau, traurig sein, das war noch erlaubt – 1997. Ich war siebzehn und musste gerade lernen, dass Liebe und Schmerz quasi ein nachbarschaftliches Verhältnis mit gewissen Vorzügen miteinander pflegen, und dass ich leider doch nicht das Maß aller Dinge bin. Wer hätte das ahnen können?!  Mein engster Freund hatte gerade seine erste Gitarre gekauft, hörte Metallica und Bands, deren Songtexte gebrüllt wurden. Ich brüllte irgendwann mit, denn ich glaubte schließlich zu verstehen, dass man da nicht einfach willkürlich ins Mikro kreischte, sondern dass es sich eben genau so anhören und so anfühlen muss, wenn einer unter der Last der ganzen Welt (die Jugend ist doch ein schöner Tag!) seine Gedanken in lyrischer Form aus dem Leibe kotzt. Unglaublich befreiend. Zwei Brüder aus meinem Haus (Plattenbau) hatten mit Freunden eine Black Metal Band namens ‚Black Azalea‘ gegründet und die zog nun alle halbwegs melancholischen und/oder gelangweilten Teenager der Stadt zum gemeinsamen Headbangen vor die Dorfbühnen. Besungen wurden meist schneewittchenartige Damen, die auf Namen wie Lamia oder Amalia hörten und hier und da nachts aus ihren Särgen krochen, um den Jungs den Verstand zu rauben, weshalb diese dann wieder laut schrien. Und so schloss sich der Kreis. Wir ritzten uns die Arme auf, schlichen um die Gräber, verachteten das künstliche Licht und schrieben Liebe in Großbuchstaben. An kalten Winterwochenenden gewährte ein drogenverseuchter Punkerladen uns Fledermäusen eine Ecke zum stillen Philosophieren, im Sommer hingen wir im Park oder in elterlichen Kleingartenanlagen rum, hörten Dimmu Borgir und Cradle of Filth, tranken Rosenthaler Kadarka, auf jeden Fall blutfarbene Getränke, und jeder küsste, wen er haben konnte, selten wen er wollte. Am nächsten Tag war alles vergessen. Die Welt durfte noch untergehen und wir suhlten uns in dem lieblichen Gefühl jungfräulicher Melancholie, das ich nun so viele Jahre später immer dann aufstoßen darf, wenn ich billigen Wein rieche oder mir der Shuffle meines Musikplayers beim Joggen unerwartet eine vergessene geglaubte Melodie spielt, dich mich mühelos durch den undurchsichtigen Dschungel der Zeit zurück eine Zeit schickt als die Songtexte einer Teenagerband noch alle großen Fragen zu beantworten schienen. Der Schweizer Tilo Wolff war kaum achtzehn, als er seine bis heute erfolgreiche Band Lacrimosa erschuf und zu Tausenden junge Seelen hinter sich hersog, die dem Leben mehr bzw. anderes abverlangten, als es die zeitgleich auflodernde Rave-Szene tat. Die einen flüchteten vor sich selbst, die anderen in sich selbst. Alle sind sie groß geworden.

 

 

 

 

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